Auf dem Gelände des Wriezener Hafens laufen am Dienstag Dreharbeiten der besonderen Art. Am Fuß der Kalköfen parkt die Drehleiter der Freiwilligen Feuerwehr Wriezen. Davor nehmen Ortswehrführer Robby Menzel und Hauptmaschinist Andreas Rosch lässig Position ein. Die Objektive von zwei Kameras und ein Mikrofon sind auf die beiden gerichtet. Sieben Schüler der Grund- und Oberschule "Salvador Allende" stellen ihnen Fragen über ihre Beziehung zum Hafen und zu Wriezen überhaupt. Die Kinder begeben sich auf Spurensuche zur Geschichte des Hafens Wriezen
Zehn Minuten Dokumentarfilm
Die Schüler drehen bei ihrer Projektwoche einen zehn Minuten langen Dokumentarfilm, der am Freitag in der Schule gezeigt wird und später auch im Oderbruch-Museum Altranft läuft. Angeleitet werden die Kinder von zwei Profis: Anja Freyhoff und Thomas Uhlmann aus Angermünde. Die beiden sind Autoren, Produzenten und Filmemacher, die seit vielen Jahren Animations-, Image- und Dokumentarfilme produzieren.
"Die Schüler sollen sich mit der Landschaft und ihrer Umgebung beschäftigen, damit auseinandersetzen und selbst aktiv werden", sagt Nora Scholz, die die Schülerprojekte des Museums koordiniert. "Kinder brauchen Wurzeln", so Britta Kreipl, Lehrerin für Kunsterziehung an der Allende-Schule. Und diese könnten sie nur erfahren, indem sie sich aktiv mit der Geschichte auseinandersetzen. Sie leitet die Arbeitsgemeinschaft Medien, wobei sich die Siebtklässler mit Foto- und Filmkunst beschäftigen sowie den Möglichkeiten, die Medien bewirken. Britta Kreipl hat das Projekt, das die ganze Woche läuft, mit den Schülern vorbereitet. Der Wochenbeginn war der Technik gewidmet. Anja Freyhoff und Thomas Uhlmann, die ihr persönliches Material einsetzen, erklärten, wie Kameras und Mikrofone funktionieren und wie die Schnipsel geschnitten werden, um daraus einen Film zu produzieren. Das Wetter ist den Schülern hold, so dass sie am Dienstag neben den beiden Feuerwehrleuten noch Bürgermeister Karsten Ilm (CDU), Eckhard Brennecke, Eigentümer des Hafengeländes und Uwe Lau vom Gewässer- und Deichverband Oderbruch befragen können. heute wird das Material gesichtet, fehlende Sequenzen gedreht und bereits geschnitten.
Laptop ersetzt Schneidetisch
Wie die Arbeit am Schneidetisch funktioniert, zeigt Anja Freyhoff den Schülern am Donnerstag. Diesen gibt es eigentlich nicht mehr. "Wir bringen unser Laptop und einen größeren Monitor mit in die Schule", kündigt die Filmemacherin an. Denn am Freitag muss der Film fertig sein.
Der von Schülern produzierte Dokumentarfilm ist der zweite Dreh des Museums mit Anja Freyhoff und Thomas Uhlmann an einem Kulturerbe-Ort. Premiere hatte das Projekt im Juni am Oderlandmuseum in Bad Freienwalde. Dort drehten Schüler des Brecht-Gymnasiums. Mit Schülern der Kretschmann-Oberschule entwickele das Museum jetzt ein Würfelspiel, kündigt Nora Scholz an.
Die Allende-Schüler Paul aus Lüdersdorf, Johannes aus Schulzendorf und Thessa aus Wriezen sind begeistert vom Besuch des Hafens. "Wir finden es spannend, was hier früher los war und wie die Kalköfen aussahen", so die Jungen. "Mich interessiert der Vergleich der Kalköfen früher und heute", ergänzt Thessa.

Kommentar: Bildung auf der Zielgeraden


Jugendliche interessieren sich nur noch für ihr Smartphone und den Computer, ihre Heimat ist ihnen egal. Mit Vorurteilen wie diesen sehen sich die Schüler häufig konfrontiert. Dass es sich mit dem Interesse anderes verhalten kann, als es sich Erwachsene vorstellen, zeigt das Dokumentarfilm-Projekt des Oderbruch-Mmuseums Altranft. Heimatkundliche oder neudeutsch landschaftliche Bildung mithilfe neuer Medien hat sich das Altranfter Museum auf die Fahne geschrieben. Um einen kurzen Dokumentarfilm über den Wriezener Hafen zu drehen, müssen sich die Schüler mit seiner Geschichte, der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt einst und heute sowie der Entwässerung des Oderbruchs beschäftigen,. Denn alle Geschichten sind ineinander verzahnt. Wenn sie sich dann noch für den Vergleich von Vergangenheit und Gegenwart interessieren, haben Schule und Museum bereits ihr Bildungs-Ziel erreicht. Ganz nebenbei lernen sie noch, wie ein Dokumentarfilm entsteht. So wird das Interesse am Computer in fruchtbare Bahnen gelenkt. Das Museum teilt diese Projekte auf die Schulen im Oderbruch auf, so dass möglichst viele Schüler in ihren Genuss kommen. Bleibt zu hoffen, dass die Fördertöpfe für solche Projekte gut gefüllt sind. Steffen Göttmann