Mehr Essays, mehr Friedrich, mehr Fontane, mehr Thaer, mehr jüdische Spurensuche: Für die komplett überarbeitete und erweiterte Neuauflage seines erstmalig im Jahr 2002 erschienenen Oderbruch-Reiseführers hat sich Thomas Worch noch einmal ein halbes Jahr auf Recherche begeben. Seit 2000 wohnt der Journalist, der früher für Zeitungen, Film und Fernsehen gearbeitet hat und 1956 in Leipzig geboren wurde, in Neumädewitz. Schon früh entwickelte er eine Liebe zur einzigartigen Landschaft des Oderbruchs. "Die Weite", schwärmt Thomas Worch. Die Landschaft schärfe die Sinne, sagt er. "Hier ist die Nacht noch Nacht." Nicht wie in Berlin, wo einen die Dunkelheit nie umfange. "Jetzt ist alles gesagt", meint der Autor mit Blick auf den gerade im Trescher Verlag erschienenen Band. Knapp 200 Seiten umfasst der Reiseführer. Voll gepackt mit Informationen zu Landschaft und Leuten. Von der Trockenlegeung und der Kolonisation bis hin zu Flora und Fauna widmet sich Thomas Worch auf den ersten Seiten des Buches.
Gleich im Anschluss folgt das Kapitel "Zum Umgang mit den jüdischen Spuren im Oderbruch". Denn: "In den Städten am Rand des Bruchs gab es - wie anderswo auch - seit dem 17. Jahrhundert jüdische Mitbürger, deren Präsenz, deren kulturelle wie religiöse Eigenheiten und deren Geschäftstätigkeit bis in die 1930er-Jahre als untrennbare Bestandteile zum kleinstädtisch geprägten Leben gehörten. Jüdische Gemeinden gab es in Oderberg, Bad Freienwalde, Wriezen, Seelow und Küstrin. Im 19. Jahrhundert konnte sich außerdem in Groß Neuendorf, mitten im Oderbruch, auf eine private Initiative hin, eine selbstständige jüdische Gemeinde mit eigener Synagoge und eigenem Friedhof bilden, die aber keinen langen Bestand hatte", schreibt Worch.
Eingeteilt hat der Autor die Kulturlandschaft in das südliche, das mittlere, das obere und das nördliche Oderbruch. Übersichtlich finden sich so detaillierte Informationen zu den einzelnen Städten und Ortschaften zwischen Lebus und Bad Freienwalde.
Dazwischen eingestreut finden sich immer wieder kurze Essays zu Persönlichkeiten, die ihre Spuren in der Landschaft hinterließen: die Hardenbergs, Theodor Fontane, Karl Friedrich Schinkel, Walther Rathenau, Albrecht Daniel Thaer, aber auch Hans Keilson, Horst und Jörg Engelhardt oder Stefan Hessheimer.
Das Titelbild des handlichen Buches ziert ein Foto von Lebus. Es zeigt die Kirche und die dahinter fließende Oder. "Das Titelbild vereint alles", sagt Thomas Worch über seine Wahl, "der Betrachter sieht die Landschaft, die Weite, die Kultur. Alles auf einen Blick."
Einen anderen Blick hat Thomas Worch auch inzwischen auf das Oderbruch bekommen. "Die Aufbruchstimmung, wie sie vor zehn, 15 Jahren herrschte, ist weg", konstatiert er. Es gebe viel ungenutztes Potenzial. Vor allem auf touristischem Gebiet. Die Landwirtschaft sei industrialisiert worden und der Tourismus dabei auf der Strecke geblieben, kritisiert er. "Es wird leider nicht erkannt, dass dieser Wirtschaftszweig einer der wichtigsten in Deutschland ist", sagt Thomas Worch. Es fehle ein Plan, eine Idee, ein Konzept, um das Oderbruch als Ganzes zu vermarkten, meint er. "Aber die Landschaft liebe ich, wie so viele andere, nach wie vor."
Thomas Worch: "Oderbruch. Natur und Kultur im östlichen Brandenburg, Trescher Verlag Berlin 2014, ISBN 978-3-89794-277-6, 9.95 Euro.