Viele kennen Rainer Ehritt am ehesten in seiner beruflichen Funktion als Zahnarzt. Eine ganz andere Facette des rüstigen Wriezeners war am Sonnabendnachmittag nun in der Harnekoper Dorfkirche zu erleben, wo der Kirchenförderverein zur Lesung mit diesem Gast eingeladen hatte. Rund zwei Millionen Schritt zu Fuß hat Ehritt im Sommer 2015 zurückgelegt, als er auf einem Teil des Jakobsweges von Süden aus einmal quer durch Spanien bis nach Santiago de Compostela und noch bis vor an den Atlantik pilgerte. Eine Gewalttour durch teils karge Landschaften und oft drückende Hitze sowie andere Widrigkeiten, die man ihm vielleicht nicht sofort zutrauen würde. Und tatsächlich wäre er zunächst auf nicht einmal halber Strecke beinahe gescheitert, war zu erfahren.
Ehritt hatte sich für die anderthalb Stunden die prägnantesten Etappen zur Lesung herausgesucht. Eigentlich ist ja Lyrik als Hobby sein Metier, räumte er ein. Doch auch die Prosa-Erzählungen all dessen, was er so unterwegs erlebt hat, ist wunderbar formuliert, fesselnd, anschaulich in den Sprachbildern. Von Malaga war er gestartet, wo er sich schon am ersten Tag verlief, den Weg verlor, durch die Vororte der Stadt irrte. Auf einem Spielplatz im Freien verbringt er eine Nacht, dann geht es weiter, und nach ein paar Tagen ist Granada erreicht mit der beeindruckenden Festung Alhambra. "Eine Mittlerin zwischen den Weltanschauungen, Symbol der Macht kluger muslimischer Herrscher in einer Welt, in der die drei Weltreligionen eine Zeitlang friedlich nebeneinander bestanden", heißt es.
Moschee und Kathedrale vereint
Das gemeinsame maurisch-christlich-jüdische Erbe dieser Region, des einstigen Kalifats Andalusien, taucht beim über 2000 Jahre alten Cordoba, eine Woche später erreicht, abermals auf. Gerade beim größten Heiligtum der einstigen Hauptstadt, in der sich ja Kathedrale und Moschee verbinden. In heutigen Zeiten, da Intoleranz und religiöser Wahn um sich greifen, beeindrucke diese auch architektonisch kunstvolle Verschmelzung sehr, so die Botschaft der Schilderungen.
Ehritt, völlig entkräftet, musste nach 18 Tagen zunächst die Segel streichen und flog heim, wollte sich mit dem Scheitern aber nicht abfinden, war drei Tage später erneut auf Tour. Die zwei Monate Pilgern sind nicht nur gespickt mit Eindrücken, sondern auch immer wieder innere Einkehr, Suche der Begegnung mit Gott, notwendiger Durchhaltewillen in schwierigen Phasen. Sei es, weil der Weg mal wieder abweicht oder der Wasservorrat erschöpft ist. Und endlich kommt das ersehnte Ziel in Sicht...