Für die Welt begeistern, aber die Heimat nicht aus dem Blick verlieren - so lautete das Motto dieser außergewöhnlichen Exkursion, die nach Meinung von Lehrern und Eltern längst überfällig gewesen ist. "Zwei Drittel der Lehrer kommen aus Berlin oder anderen Städten und pendeln täglich nach Wriezen. Wir haben natürlich Verständnis, dass sie aufgrund ihres täglichen Fahrtweges nach der Arbeit die Stadt meist schnell wieder verlassen, aber wir wünschen uns auch, dass sie unseren Kindern nicht nur die weite Welt, sondern auch die Heimatregion vermitteln", begründete Susann Persiel. Die Mutter und Betreiberin des Keramik-Cafés Altwriezen hat die Organisation der Exkursion übernommen.
Bei Kaffee und Kuchen stimmten sich die Lehrer am Mittwochnachmittag in Altwriezen ein. Pünktlich um 15 Uhr wurden sie von einem Bus abgeholt, der sie in ausgewählte Orte im Oderbruch führte. Unter fachkundiger Anleitung von Reinhard Schmook, Leiter des Oderlandmuseums, erfuhren sie auf der zweistündigen Rundtour Geschichtliches und Wissenswertes von Land und Leuten. Neulewin diente dabei als Anschauungsmaterial eines typischen Kunstdorfes, "das dort entstand, wo früher nur Wasser war." Güstebieser Loose und Neulietzegöricke waren nicht nur wegen ihrer für fremde Ohren ungewöhnlich klingenden Namen Anlaufpunkt für die mehr als 20 Lehrer. Weitere Stationen waren Zollbrücke und Altwustrow, wo Reinhard Schmook unter anderem über den Kanalbau, die Verwässerung des Bruchs und die Folgen der Trockenlegung im 18. Jahrhundert referierte. "Die Lehrer waren mit offenen Ohren und viel Interesse bei der Sache. Manche von ihnen haben das erste Mal davon gehört", berichtete der Regionalhistoriker. Es sei zwar nicht einfach gewesen, die wie er sagt, hochkomplexe Geschichte des Oderbruchs in den Zeitplan einzubetten, doch hätte auch ihm die Exkursion Spaß bereitet. "Das hätten wir schon längst machen sollen", schätzt er ein.
Mehr als eineinhalb Jahre hat es gebraucht, bis diese Art der Fortbildung in die Tat umgesetzt wurde. Mit dem Start des Schuljahres ist das Evangelische Gymnasium seit seinem Bestehen erstmals in allen Klassenstufen voll ausgelastet. Viele der neugewonnenen Lehrkräfte haben erst im August ihren Dienst in Wriezen aufgenommen. Und nicht jeder kannte zuvor die Besonderheiten des Oderbruchs. "Haus und Kind warten nach der Arbeit. Daher ist das eine super Gelegenheit, mehr kennenzulernen, auch wenn der Barnim ja eigentlich gar nicht so weit weg ist", sagt Lehrerin Stefanie Beuster vor der Abfahrt. Die 31-Jährige ist in Ziethen zu Hause und unterrichtet in Wriezen Mathe und Biologie. Ihr Kollege Martin Franke, Lehrer für Geographie und Geschichte, hat ebenfalls einen vertretbaren Anfahrtsweg. Er kommt aus Angermünde, ist aber erst seit Mai am Gymnasium tätig. "Natürlich habe ich mich hier schon einmal etwas genauer umgeschaut, aber eine derart anschauliche Führung mit einer so guten Atmosphäre habe ich noch nicht mitgemacht", erzählt der junge Mann. "Ein rundherum tolles Paket, das durch die Anekdoten an den Originalschauplätzen noch an Wert gewonnen hat."
Auch die Fachkräfte aus Berlin haben das Angebot der Eltern gern angenommen. "Ich bin privat schon durch einige Orte gefahren, aber diese Exkursion ist doch noch etwas ganz anderes", sagt Maika Gebhardt, Lehrerin für Latein und Spanisch, die erst seit August in Wriezen arbeitet. Sport- und Physiklehrer Tom Schwenk ist schon seit 2010 dabei. Hat er das Oderbruch schon genauer erkundet? "Das Interesse war immer da, aber weil ich zwei Stunden für die Heimreise brauche, habe ich mir bisher einfach noch nicht die Zeit genommen", gibt er zu. Als sensationell bezeichnet er daher auch Idee und Durchführung der Entdeckungsreise. Und er nährt sogar die insgeheimen Wünsche der Eltern, der ein oder andere junge Lehrer würde sich dauerhaft im Oderbruch ansiedeln. "Der Gedanke ist mir schon einmal gekommen und wir als Familie könnten uns das auch vorstellen", erklärt er und fügt auch gleich die Gründe für seine Überlegungen hinzu: "In Berlin ernte ich komische Blicke, wenn Fremde von meinen vier Kindern hören. Hier im Oderbruch zucken alle nur mit den Schultern, weil Familie einen hohen Stellenwert hat."
Für Schulleiter Michael Tiedje hat die Exkursion, die mithilfe des Schulfördervereins finanziert wurde, viele positive Effekte. Das Kennenlernen der Region, um die Schüler besser zu verstehen, den Lehrstoff anschaulicher vermitteln zu können oder auch die Teambildung seiner Lehrkräfte. "Als Gruppe gemeinsame Erlebnisse zu haben, das ist einfach wunderbar", kommentiert der Schulleiter. "Wir haben einfach wunderbare Eltern, die unsere Schüler und Lehrer unterstützen. Heute hatten wir ein richtiges Verwöhnprogramm."