Märkische Oderzeitung: Herr Bergmann, leben Homosexuelle nur in Großstädten?
Lars Bergmann: Lesben und Schwule, Bisexuelle und transsexuelle Menschen gibt es überall, auch in Brandenburg. Fast jeder kennt jemanden im eigenen Familien, Bekannten- und Freundeskreis, der homosexuell, bisexuell oder Trans ist. Homosexualität ist kein Großstadtphänomen, das sich zum Beispiel auf Berlin beschränkt, sondern täglich gelebte Realität vom kleinsten Dorf bis in die Mittelzentren unseres Bundeslandes.
Was will man mit einer LesBiSchwulen Tour durch das Land Brandenburg bewirken?
Schätzungen zufolge beträgt der Anteil an gleichgeschlechtlich orientierten Menschen rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Die LesBiSchwule Tour ist eine Aufklärungs- und Akzeptanzkampagne, die zum Ziel hat, den Dialog zwischen lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgender – kurz LSBT – Menschen und der Mehrheitsgesellschaft, gegenseitigen Respekt, Akzeptanz und ein friedliches Zusammenleben zu befördern.
Haben es Homosexuelle auf dem platten Land schwerer?
Nach wie vor haben es Homosexuelle im ländlichen Raum sehr viel schwerer als in Großstädten. Das tägliche Versteckspiel, die Unterdrückung der eigenen Gefühle führen nicht selten dazu, dass Homosexuelle sich in einer heterosexuellen Scheinehe wiederfinden, um nicht aufzufallen, oder ihre Heimat verlassen und in Berlin ihr Glück suchen. Es ist die Angst vor Diskriminierung und Isolation, aber auch nicht selten Verzweiflung und Vereinsamung, die zu dieser Art Doppelleben führen. Dies kann niemanden zufriedenstellen.
Deshalb bieten Sie auch Informationen vor Ort an?
Ja, wir klären im Rahmen von Schulveranstaltungen, Lehrerfortbildungen, in Jugendklubs, in Verwaltung, zum Beispiel in Polizeidienststellen, die jeweiligen Zielgruppen auf und versuchen Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen zu sensibilisieren und fit zu machen im Umgang mit LSBT-Lebensweisen.
Warum wird bei Ihrer Tour durch Brandenburg eine Regenbogenfahne vor einem städtischen Gebäude aufgezogen?
Die Regenbogenfahne ist heute das Erkennungszeichen der Lesben und Schwulen in aller Welt. Die Flagge am Rathaus ist in erster Linie ein Signal an die in dem Ort lebenden Lesben und Schwulen, denen wir Mut machen und ihre Belange für einen Tag in den gesellschaftlichen Mittelpunkt rücken wollen. Mit der Regenbogenfahne und unserem Kampagnenstand machen wir Homosexualität zum Stadtgespräch. Gleichfalls eröffnen wir auch den jeweiligen Städten die politische Auseinandersetzung mit der Frage, wie umgehen mit Menschen, die nicht heterosexuell sind.
Gab es auch Städte, die sich geweigert haben, die Regenbogenflagge aufzuziehen?
Eine Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht. Das gilt im Großen, genauso wie im Kleinen. Ich bin sehr stolz darauf, dass sich in den vergangenen fünf Jahren bis auf Prenzlau und Rheinsberg keine Stadt mehr geweigert hat, mit uns dieses Signal zu senden und sich als Ort der Vielfalt und des gegenseitigen Respekts zu empfehlen.
Wie sieht die Arbeit des Vereins neben den Touren durch das Land Brandenburg aus?
Der Landesverband AndersARTiG versteht sich als Netzwerk-Organisation der verschiedenen im Land Brandenburg aktiven Vereine und Gruppen für LSBT-Menschen. Hier ist auch die Landeskoordinierungsstelle für LesBiSchwule Belange angesiedelt, die die LesBiSchwule Tour maßgeblich organisiert und begleitet. AndersARTiG bietet neben Vernetzung und Koordination vor allem Beratung und Unterstützung zu den Themen Coming-Out, Liebe und Beziehung, Familie und Kinderwunsch, eingetragene Lebenspartnerschaft, sexuelle Gesundheit, Diskriminierung und Gewalt an.
Darüber hinaus veranstaltet der Landesverband im Rahmen seines Antidiskriminierungsprojektes „Schule unterm Regenbogen“ Workshops an Schulen und in Jugendklubs zum Thema Diskriminierung und sexuelle Identität. Weiterhin betreiben wir in Potsdam ein Beratungs- und Begegnungszentrum, in dem sowohl ein Café, als auch Schulungsräume, eine LesBiSchwule Mediathek und zahlreiche Informationsmaterialien ausliegen.
Mehr zu diesem Thema: 
www.andersartig.info