Weil ein Landwirt bei starkem Wind seinen Acker gespritzt hat, sind Schwaden des Chemie-Gemischs auf den Garten von Gisela Ziehm und den Sandkasten niedergegangen, in dem ihre Enkel spielten. Die Bad Freienwalderin beschwerte sich beim Landwirt und zeigte ihn beim Pflanzenschutzdienst an.
„Wir saßen am vergangenen Montag gegen 14 Uhr draußen und hatten unsere Enkel zu Besuch, die im Sandkasten spielten“, berichtete Gisela Ziehm. Ein Landwirt habe bei starkem Wind auf dem benachbarten Getreidefeld gespritzt. „Die Sprühflüssigkeit ist direkt in unsere Richtung geweht“, sagte die Bad Freienwalderin, die lange Jahre die örtliche Nabu-Ortsgruppe leitete und weiter im Vorstand mitwirkt. Der Sprühnebel sei auch auf ihren Garten niedergegangen.
„Es ist verboten, bei starkem Wind zu spritzen“, so Gisela Ziehm. Die Grenze liege bei einer Windgeschwindigkeit von fünf Meter pro Sekunde, tatsächlich seien es aber 11,2 Meter pro Sekunde gewesen, das habe der Blick auf ihren Windmesser bewiesen. Gisela Ziehm zeigte den Frankfurter Landwirt beim Pflanzenschutzdienst des Ministeriums für ländliche Entwicklung, Umweltschutz und Landwirtschaft an.
Das Haus von Gisela und Herbert Ziehm liegt abseits im Bad Freienwalder Stadtteil Neukietz an der Alten Oder gegenüber von Schiffmühle. Der Garten hinter dem Haus grenzt direkt an die Felder. Gisela Ziehm ist mit der Landwirtschaft aufgewachsen. „Ich will keine Konfrontation, sondern möchte, dass die Menschen sensibilisiert und informiert werden“, erklärte die Bad Freienwalderin. Sie sei kein Einzelfall. Am 1. Mai erreichte sie ein Anruf aus Quappendorf mit dem Hinweis, dass ein Landwirt am Montag und ausgerechnet am Maifeiertag sein Feld spritze, so dass der Mann den Sprühnebel in seinem Garten spürte.
„Die landwirtschaftliche Tätigkeit, also auch die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln, unterliegt nicht der Straßenverkehrsordnung, da sie nicht dem öffentlichen Verkehr zuzuordnen ist“, erklärte Thomas Berendt, Pressesprecher des Landkreises Märkisch-Oderland, und berief sich auf das Landwirtschaftsamt. Der Gesetzgeber erlaube Landwirten, auch an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten.
Unabhängig davon dürfe es natürlich nicht zu Beeinträchtigungen von benachbarten Grundstücken oder gar Menschen kommen. Das wiederum sei im Pflanzenschutzgesetz geregelt. „Zu den eingesetzten Mitteln gibt es darüber hinaus Gebrauchsanweisungen, die strikt einzuhalten sind“, betonte der Kreis-Sprecher.  Kriterien wie der Abstand zu Nachbargrundstücken oder das Einstellen der Arbeiten ab bestimmten Windstärken gehören dazu. Für die praktische Umsetzung des Gesetzes und die Ahndung von Ordnungswidrigkeiten sei das Landesamt für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung in Frankfurt (Oder) zuständig.
„Das Frühjahr endete spät, deshalb bleibt nur ein kleines Zeitfenster, um die Pflanzen so zu düngen, dass sie im Mai richtig sprießen“, brach Ronald Buchholz, stellvertretender Vorsitzender des KreisbauernverbandesMärkisch-Oderland, eine Lanze für die Landwirte. Deshalb werde am Wochenende, an Feiertagen und auch nach 20 Uhr noch auf den Feldern gearbeitet.
Buchholz leitet die Bäuerliche Produktionsgemeinschaft (BPG) Beiersdorf-Freudenberg. Selbstverständlich müsse die gespritzte Flüssigkeit auf dem Acker bleiben, auf dem sie ausgebracht werde, sagte Buchholz. Der Fahrer müsse aufpassen, dass der Sprühnebel nicht über die Grenzen des Ackers hinaus geweht werde. Die Gefahr bestehe besonders bei Sprühschleudern, die bis zu 36 Meter weit spritzen. Diese setze die BPG nicht ein, sondern verwende nur Spritzgestänge.
Buchholz bat um Verständnis für die Landwirtschaft, die vielerorts schwindet, wenn  die Betriebe abends oder am Wochenende arbeiten, was stets mit Belästigung verbunden sei. Sein Betrieb versuche, durch den ständigen Dialog einen guten Draht zu den Dorfbewohnern zu finden. Die BPG bewirtschafte Felder um Beiersdorf-Freudenberg, Tiefensee, Trampe und Grüntal. „Wir hatten bisher nie Probleme“, versicherte er.
Die Landwirte, die Familie Ziehm belästigten, haben sich am Freitag mit einem Präsentkorb bei ihr entschuldigt. „Sie haben mir versichert, dass es sich um Düngemittel handelt“, sagte Gisela Ziehm. „Wir waren verunsichert, weil wir nicht wussten, was es ist.“ Sie setzt privat keine Chemie in ihrem Garten ein und möchte auch keinen Eintrag haben. Die Bauern seien daran interessiert, dass das Düngemittel auf dem Feld bleibt und nicht weggeweht wird, weil es sehr teuer sei. Gisela Ziehm verspürt ein Umdenken. Die Zeiten, in denen mit maximalem Einsatz chemischer Mittel der höchster Ertrag erzielt werden solle, änderten sich allmählich. Dies habe auch das Gespräch mit diesen Landwirten gezeigt.