Sie haben sich im Lernprojekt mit den Kinderrechten beschäftigt, erzählen Justin (11), Roman (12), Antonio (12) und Abraham (13) vom Stützpunkt des Vereins Brandenburger Kinderland auf dem ehemaligen Gutshofsgelände in Schulzendorf. Auch das Recht auf Sicherheit und Gesundheit gehört zu den Punkten der im September 1990, also vor 30 Jahren, in Kraft getretenen UN-Kinderrechtskonvention. Von dieser eher abstrakten Bestimmung war es inhaltlich nicht weit zu einer Gefährdungssituation beinahe vor der eigenen Haustür: Die häufigen Raser auf der Ortsdurchfahrt. Mit ihrer Betreuerin Carola Damaszek haben sich die vier Jungs nun ganz vorn beim Kampf um Tempo 30 eingereiht – und eine entsprechende Aufforderung an Autofahrer, doch bitte den Fuß vom Gaspedal zu nehmen, auf mehreren Stoffplakaten verewigt.

Appell auf Stoff: Bitte Fuß vom Gaspedal

An Einrichtungsmitarbeiter Stephan Schmidt und Karl-Heinz Klockemann, den Schulzendorfer Ortsvorsteher, wurden zwei dieser farbenfrohen Werke am Dienstag übergeben, bereits Montagabend waren weitere an die vier Ortsvorsteher in Prötzel bei der dortigen Gemeindevertretersitzung überreicht worden. Roman war als Angesandter des Teams mit dabei, um die Idee vorzutragen. Die stößt in Prötzel auf sehr offene Ohren. Schon vor Monaten hatte der Gemeinderat beschlossen, alle Nebenstraßen zur Tempo-30-Zone zu erklären, inzwischen stehen überall die Schilder. Eine Beruhigung auf den Ortsdurchfahrten scheiterte aber bisher an übergeordneten Zuständigkeiten und dortigem Widerstand. Selbst beim Kampf wenigstens um eine Tempo-30-Strecke direkt vor der Prötzeler Grundschule war noch kein Erfolg zu verzeichnen.

Selbst vor Prötzels Schule gilt noch Tempo 50

In Harnekop, wo Carola Damaszek selbst Ortsvorsteherin ist, erfolgte das Aufhängen des Banners gleich noch am späten Dienstagvormittag gemeinsam mit den Jungs. Einen Blumenstrauß als Dank gab es für Rita Schneider, die am Abzweig Richtung Bunkergelände auf dem Grundstück mit der Hausnummer 1 wohnt und dafür ihren Zaun zur Verfügung gestellt hat. „Gerade im Berufsverkehr früh und abends ist es immer schlimm“, erzählt sie. Selbst während des Aufhängens brausen einige Fahrzeuge vorbei, die sich definitiv nicht an die bisher geltenden 50 Stundenkilometer halten, ein Berliner dreht sogar provokativ genau auf Höhe der Gruppe erst so richtig auf. Frühmorgens sind auf der Straßenseite in Richtung Prötzel gerade die Kinder gefährdet, die dort an der schmalen Haltestelle auf den Schulbus warten.

Ein Spitzen-Raser mit 177 Stundenkilometern

Karl-Heinz Klockemann wiederum freut sich ebenfalls sehr über so viel sichtbare Unterstützung bei einem Anliegen, das er schon über Jahre verfolgt – bisher ergebnislos. „Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei 73“, weiß er von kurzzeitig mal stattgefundenen Messungen. Das Spektrum reiche dabei von wenigen, die von sich aus schon 30 fahren, bis zu Extrem-Rasern, die auf der 50er-Strecke mit dem Dreifachen unterwegs sind. „122 war der Spitzenreiter bei der ersten Messung“, bei der nächsten von einem mit 147 übertroffen. Und zuletzt war sogar ein Fahrer mit unglaublichen 177 Sachen erfasst worden, berichtet der Ortsvorsteher: „Das geht einfach nicht.“

Ortsvorsteher bei Behörden bisher erfolglos

Klockemann, der sich da mit dem Kinderland-Team völlig einig sieht, kann nicht nachvollziehen, dass er bei den zuständigen Behörden immer nur das Argument vorgehalten bekommen, die reine Anzahl der Fahrzeuge auf der Ortsdurchfahrt, 5500 bis 6000 am Tag, reiche für eine solche Maßnahme nicht aus. Dabei habe ja temporär Tempo 30 gegolten, als die B158 gesperrt war und Schulzendorf zur Umleitung gehörte. Zudem verweisen Carola Damaszek, Klockemann und Schmidt übereinstimmend aus ihren Erfahrungswerten, dass es jenseits der Kreisgrenze im benachbarten Barnim zuhauf vergleichbare Dörfer mit 30er-Abschnitten gibt, seien das nun Beispiele wie Grüntal, Ruhlsdorf oder Sophienstädt. Warum da in den einzelnen Landkreisen beim Thema Verkehrssicherheit offenbar mit zweierlei Maß gemessen werde, sei unverständlich. Über das neue Kinder- und Jugendparlament will die Gruppe ihr Anliegen nun auch in die Wriezener Stadtverordnetenversammlung tragen.