Anne-Marie Ahrens hat auf ihrem Bild Dutzende von Dreiecken bündig aneinandergereiht. Manche der Dreiecke sind mit dem Begriff "Kristall" beschriftet. Dazu hat die 12.-Klässlerin einen Text verfasst, in dem sie darlegt, was ihr Lieblingswort ihr ganz persönlich bedeutet: "Farbig, natürlich, weiß und vor allem geschliffen, reflektiert das Licht die majestätischen Kristalle wie Sterne am nächtlichen Himmel."
Etwa 14 Prozent der erwachsenen Menschen im arbeitsfähigen Alter bleiben solche sprachlichen Genüsse vorenthalten, denn sie können weder lesen, noch schreiben. In Frankfurt (Oder) gibt es schätzungsweise 5200 funktionale Analphabeten, in Beeskow dürfte es etwa 700 Betroffene geben. "Funktionaler Analphabetismus ist ein weit verbreitetes Phänomen, das leider viel zu sehr im verborgenen existiert", findet Carmen Winter, die das Projekt begleitet. Die Autorin und Dozentin ist Mitarbeiterin im Grundbildungszentrum der Volkshochschule Frankfurt (Oder), die den Fotowettbewerb gemeinsam mit dem Quartiersmanagement Frankfurt (Oder) ins Leben gerufen hatte.
Teilgenommen hatten neben Schülern des Rouanet-Gymnasiums auch Einzelbewerber aus Frankfurt (Oder). 29 Bilder von 25 Teilnehmern umfasst die Wanderausstellung, die bereits in der Volkshochschule und im Mehrgenerationenhaus MIKADO in Frankfurt (Oder) zu sehen war. Nach der Etappe in Beeskow wandern die Bilder im November nach Anklam weiter.
Mit "Kristall" hat Anne-Marie Ahrens den Wettbewerb gewonnen. Sie durfte dafür ein Bilderbuch des Illustrators Einar Turkowski und einen Regenschirm nach Hause nehmen.
Elisabeth Ullrich hatte sich mit ihrem Lieblingswort "Katze" beschäftigt. Für die Abiturientin verbinden sich mit dem Begriff viel schöne Erinnerungen. "Ich bin mit Katzen aufgewachsen, sie sind wichtige Wesen in meinem Leben." Ihr Bild ist eine aufwändige Collage. So hat die Schülerin die Buchstaben des Begriffs mit Katzen-Skulpturen, Spielzeug, Leckerli und Kleidungsstücken, die mit Katzenmotiven bedruckt sind, gestaltet. Das "T" besteht aus zwei Klarinettenhälften.
Carmen Winter, die auf der Burg Beeskow die kreative Schreibwerkstatt leitet, wirbt dafür, das Thema des Analphabetismus stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Betroffene hätten in den meisten Fällen unter Schamgefühlen zu leiden. "Es ist nicht leicht, um Hilfe beim Schreiben und Lesen zu bitten." Die Ausstellung könne Anlass sein, über dieses heikle Thema aufzuklären.
Die Gründe für funktionalen Analphabetismus seien vielfältig: Lückenhafte Schulbiografien aufgrund chronischer Erkrankungen, häufige Umzüge im Kindesalter, ungeeignete Lernmethoden in der Grundschule, um nur einige zu nennen. Doch die Sprachexpertin macht Mut: "Jeder kann lesen und schreiben lernen, auch als Erwachsener."