Am Sonnabend um 13 Uhr biegt der Konvoy, angeführt von vier bis unters Dach beladenen Pkw und einer "Robbe" (Berliner Kosewort für Umzugs-Lkw der Firma Robben und Wientjes) in die Spreestraße ein. Zehn Helfer und die dreiköpfige Familie Radam (Helen, Ron und Ben) steigen aus. Eine befreundete Beeskower Familie erwartet die Berliner mit einem riesigen Topf Bohnensuppe und Brot. Dank der vielen Helfer geht nach der Stärkung alles ruckzuck, kaum vier Stunden später ist der gesamte Hausrat der Neu-Beeskower in dem stuckgeschmückten Altstadt-Häuschen verstaut. Endlich Zeit für eine Verschnaufpause. "Wir haben vor einem Monat angefangen mit Aussortieren und Packen", erinnert sich Familienvater Ron Radam. Von vielen Dingen musste sich die Familie trennen. Ron Radam selbst von einer alten Bootslampe, die er vor 15 Jahren erstanden und deren Reparatur er immer wieder aufgeschoben hatte.
Der selbstständige Stukkateurmeister, der auf ökologisches Bauen und auf Innenausbau spezialisiert ist, hat seit dem Hauskauf im September fast alles mit seinen eigenen Händen saniert. Nur für Heizung, Sanitär und Elektrik sowie für die halbseitige Neueindeckung des Daches hatte er Hilfe von Fachfirmen beansprucht. Auch wenn noch nicht alle Zimmer fertig sind, ist das Haus im Inneren kaum wiederzuerkennen. Die Wände sind mit Lehm verputzt, die Massivholzdielen größtenteils neu eingebaut. Zuvor hatte der Handwerkermeister Heizschlangen in die Wände verlegt. Der Abschied von Berlin falle im nicht schwer: "Ich bin nicht wehleidig."
Nicht ganz so tapfer zeigt sich Helene Radam. "Bitte jetzt nicht von Kreuzberg reden", bittet sie. Doch vom Verstand her steht sie hinter dem Entschluss der Familie, von der Metropole in die beschauliche Kleinstadt zu wechseln. Zuvor hat sie sich, ähnlich wie ihr Mann, von vielen vertraut gewordenen Dingen getrennt. "Ich habe alte Projektunterlagen entsorgt", so die selbstständige Autorin, Regisseurin und Medienpädagogin.
Auch Ben fällt der Abschied von Berlin nicht leicht. Auf seiner Brust prangt "X-Berg", was für Kreuzberg steht. Doch bereits am Umzugstag tollt er mit einem Beeskower Jungen am Spreeufer herum. "Jetzt können wir ja regelmäßig angeln gehen", freut er sich. Am 31. August wird der 12-Jährige im Rouanet-Gymnasium "eingeschult".
Mit dem Einzug der Familie Radam beginnt und endet zugleich eine außergewöhnliche Geschichte. Zur Erinnerung: Als Familie Radam im Juli vorigen Jahres in Beeskow zu einer einwöchigen Paddeltour eintraf, überkamen Ben plötzlich Zahnschmerzen, ein Zahnarztbesuch wurde notwendig. Die Familie nutzte den unfreiwilligen Aufenthalt für einen ausgedehnten Spaziergang in Beeskows malerischer Altstadt. Als der selbstständige Stukkateurmeister erfuhr, dass es in der Altstadt einige stark sanierungsbedürftige Häuser für wenig Geld zu kaufen gibt, wurde er hellhörig. Die Familie ließ sich das Haus in der Spreestraße, zeigen - und der Rest ist nun Legende.