Während ihr Mann in Hamburg als IT-Experte das Geld verdient, geht Renate Schneider ihrer großen Leidenschaft und einer Lebensphilosophie nach: alte Häuser sanieren. In Mecklenburg-Vorpommern hat das Ehepaar eins - und in Lindenberg. Eine Freundin hatte sie Ende 1999 auf das Schnitterhaus aufmerksam gemacht. "Wir waren hin und weg, als wir das sahen", erzählt die 52-Jährige. Auf einem Schild habe gestanden, dass es für 12 000 D-Mark verkauft werden soll. "Bezahlt haben wir dann bei der Versteigerung durch die Treuhand im Rathaus Schöneberg 32 000 D-Mark." Obwohl die Summe das Budget von Renate Schneider und Swen Baumann sprengte und sie sich Geld borgen mussten, kauften sie den Feldsteinbau, der zu dieser Zeit teilweise noch bewohnt, aber auch vermüllt war. "Die Treuhand hat noch den brusthoch stehenden Müll entsorgen lassen, dann stand es uns zur Verfügung."
In dem etwa 25 Meter langen Haus ohne Obergeschoss befanden sich aneinander gereiht vier Katen mit jeweils einer Stube, Kammer und Küche. Laut Denkmalbehörde wurde es vermutlich zwischen 1910 und 1920 gebaut und gehört zum Ensemble mit Gutshaus und Kirche. Renate Schneider glaubt, dass es sogar älter sein könnte, denn bei den Bauarbeiten fand sie eine Diele, in der die Jahreszahl 1871 eingeritzt war. Das Holzstück hängt jetzt eingerahmt in ihrem Wohnzimmer.
Im ganzen Haus spürt man, dass Renate Schneider "eine große Freundin alter Sachen ist, weil sie Spuren der Geschichte in sich tragen." Sie zeigt auf einen robusten, aufgearbeiteten Holzschrank in der Küche: "Der wird noch einige Katastrophen aushalten." Es tue ihr in der Seele weh, wenn sie sehe, was die Leute heute alles in den Container werfen.
In Lindenberg gilt: "Nichts verlässt dieses Haus, was man noch gebrauchen kann." Selbstverständlich werden auch keine Bücher weggeworfen, für diese hat sie endlich Platz in Lindenberg. "Ich mag ohnehin die am liebsten, die schon andere gelesen haben. Da steckt Leben drin."
Vergangenes Leben und Werte festhalten, das möchte sie auch mit ihrem Haus in Lindenberg. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie, unterstützt von fachlich versierten Handwerkern, daran. Jetzt sind die Arbeiten auch äußerlich sichtbar: Das Dach - immerhin mit einer Fläche von 420 Quadratmetern - wird neu gedeckt. Aus drei der vier Katen (jede hat 50 Quadratmeter) haben Renate Schneider und ihr Mann eine Wohnung mit mehreren Zimmern und Komfort gemacht. Auf Gasheizung, Waschmaschine und modernes Bad will das Ehepaar trotz seines Hangs zum Alten nicht verzichten. Aber Möbel, Dekoration und Hausrat stammen meistens von Flohmärkten und finden mehr oder weniger geordnet ihren Platz in der Wohnung, die teilweise an die 1920er Jahre erinnert. Renate Schneider, die Informationswissenschaften studiert und später Internetseiten entwickelt hat, werkelt seit 20 Jahren an alten Häusern herum. Früher für Fremde, heute sind es ihre eigenen. Auch ihrem Mann gefällt es, an den Wochenenden auf dem Grundstück in Lindenberg in Arbeitsklamotten zu schlüpfen und an "Dingen zu arbeiten, die bleiben werden", erklärt Renate Schneider die Motivation. "Für meinen Mann, mit dem ich eine glückliche Wochenendehe führe, ist es ein absolutes Kontrastprogramm", sagt Renate Schneider, die auch am liebsten Sachen aus Second-Hand-Läden trägt
Die Wegwerfgesellschaft findet sie "schlimm", sie spüre einen inneren Widerstand, etwas wegzuwerfen, was man noch gebrauchen könne. Und sie zeigt auf eine alte Holztür: "Wenn ich die abschleife und streiche wird sie noch mal 100 Jahre alt und an Wert gewinnen."