Gut zu sprechen sind Pendler in diesen Tagen auf die Bahn nicht. Das haben auch die Lokführer der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft GmbH (ODEG), die am Streik gar nicht beteiligt waren, zu spüren bekommen.
"Die Leute haben mich ganz groß angeguckt, als sie gesehen haben, dass wir noch fahren", sagt Holger Voigt, Triebfahrzeugführer und Teamleiter bei der ODEG. "So viele lächelnde Gesichter haben wir schon lange nicht mehr gesehen", fügt sein Kollege Maik Boetzer hinzu. Die beiden Männer stehen im Raucherbereich des Frankfurter Bahnhofs auf Gleis 12. Neben ihnen schnurrt der Dieselmotor der Regionalbahn 36. In zehn Minuten wird sich der Wagen in Bewegung setzen. Es geht über Beeskow bis zur Endhaltestelle Berlin Lichtenberg. Auf den Sitzen haben bereits zwei Mitfahrer Platz genommen. Eine Dame, die entspannt aus dem Fenster schaut, sowie eine Frau, die in ihr Rätselheft guckt.
Aus dem Schnurren des Motors wird ein Brummen, als die Bahn den Hauptbahnhof Frankfurt verlässt. Nächster Halt: Müllrose. "Ich bin jetzt aus Frankfurt raus", sagt Holger Voigt in sein Funkgerät. "Ok, gute Fahrt", tönt es vom anderen Ende der Leitung her. "Immer wenn wir einen Bahnhof verlassen, müssen wir uns beim Fahrdienstleiter abmelden." Die Aufgabe des Fahrdienstleiters ist es, die Züge zu koordinieren, wie etwa Weichen zu stellen. Holger Voigt arbeitet als Teamleiter bei der ODEG. Derzeit ist er zuständig für Beeskow und Königs-Wusterhausen, im Dezember wird er nach Berlin wechseln. Als Teamleiter fährt er nur noch gelegentlich, etwa fünf bis zehn Schichten im Monat. Zu seinen Hauptaufgaben zählt es, Triebfahrzeugführer mit Arbeitsmaterialien auszustatten - etwa mit Taschenlampen - und ihnen bei Problemen zur Seite zu stehen. So zum Beispiel, wenn es zu einem Personenschaden auf der Strecke kommt. "Ich habe es in meinen 30 Dienstjahren zum Glück noch nicht erlebt. Toi, toi, toi. Als Teamleiter wurde ich allerdings schon zu etlichen Einsätzen gerufen", sagt der 52-Jährige. Wenn ein Lokführer miterlebte, wie sich jemand vor den Zug geworfen hat, dann wird er zunächst vom Dienst befreit, erklärt Voigt. "Den Fahrzeugführern ist es freigestellt, ob sie psychologische Hilfe in Anspruch nehmen oder nicht. Die meisten machen es."
Einfahrt in Müllrose: Nur wenige Fahrgäste warten auf dem Bahnsteig. Die meisten steigen in den Zug, der in die Gegenrichtung nach Frankfurt fährt. Langsam wölbt sich der rechte Seitenspiegel nach außen. Einsteigende und aussteigende Personen sieht Holger Voigt so am besten. Nach weniger als zwei Minuten nimmt der Zug wieder Fahrt auf, der Spiegel klappt automatisch an.
Mit einem Hebel beschleunigt Holger Voigt auf 97 Stundenkilometer. Nicht alle Streckenabschnitte zwischen Frankfurt und Beeskow sind auf die Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern zugelassen. Holger Voigt drosselt die Geschwindigkeit. Die Nadel sinkt auf 68 Stundenkilometer. "Wir haben gerade ein Signal mit einer 7 passiert. Die Zahlen zeigen die erlaubte Geschwindigkeit. Sie sind immer mal zehn zu rechnen." Vor sich hat Voigt eine Tachoanzeige und diverse Knöpfe. Darunter einen hervorstechenden roten Knauf. "Das ist der Nothalteknopf, eine Sicherheitsvorrichtung." Er drückt einen Taster. In der Fahrerkabine dröhnt es laut. Das Gefährt hat gerade eine Tafel mit dem Buchstaben P passiert. "Das steht für Pfeifsignal, welches ich betätigen muss, wenn ein unbeschrankter Bahnübergang folgt." Seine Lokführer-Ausbildung hat Holger Voigt im Bergbau gemacht. Dort blieb er bis 1997. Dann ging es nach Rheinland Pfalz, darauf folgte Nordrhein-Westfalen. "Ein paar Jahre später hat man mich gefragt, ob ich wieder in die Heimat zurück will. Natürlich habe ich ja gesagt."
Einfahrt in Beeskow: Holger Voigt deutet auf ein altes Formsignal, dessen Arm sich in der Waagerechten befindet. Der Shuttle stoppt. Ein einzelner um 45 Grad nach oben zeigender Flügel bedeutet grünes Licht, also freie Fahrt. Mit dem 14. Dezember nimmt die ODEG Abschied von Ost-Brandenburg. Die Linie RB36 soll nach dem Fahrplanwechsel von der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) bedient werden.
Die Regionalbahn 36 fährt stündlich von Frankfurt nach Berlin. Vom Frankfurter Bahnhof sind es 45 Minuten nach Beeskow.