Jeden Werktag setzt sich Olaf Müller mit ein paar Dutzend Zeitungen in der Weste oder im abgewetzten Stoffbeutel in die Regionalzüge und besucht "Filialen", wie er seine Stamm-Abnehmer nennt, und zufällige weitere Geschäfte. "Pflicht und Kür – das ist wie beim Eiskunstlauf", erklärt er das Prinzip.

Nettes "Nein" und böse Blicke

Alle zwei bis drei Wochen holt er sich in den Redaktionen einen Trolli voll Zeitungen ab, acht Pakete à 50 Stück.  Die meisten bekommt er kostenlos, der Erlös geht dann zu 100 Prozent an ihn. 51 Euro im Monat bezahlt er als Rentner für die Verbundnetz-Fahrkarte. Zusammen mit einer kleinen Rente hat er so um die 1000 Euro monatlich zum Leben. Er wohnt in einer Einraumwohnung in Hohen Neuendorf, am Bahnhof.
Heute bringt er über 60 Exemplare des "Karuna Kompass" nach Storkow und Beeskow.  1,50 Euro kostet eine Ausgabe, drei Stück gibt es für 2 Euro, fünf Stück für 3 Euro. Um neun Uhr beginnt die Tour. Natürlich am Bahnhof. Wegen Corona und der frühen Stunde sind viele Geschäfte noch verschlossen. In den Geöffneten grüßt er freundlich, doch bestimmt: "Hallo, ihr Lieben, es gibt wieder was Hübsches!" Doch oft heißt es: "Nein, danke." Die meisten Menschen bleiben freundlich, dennoch verfolgen ihn auf der Straße nicht selten angewiderte Blicke. "Einmal knallte mir ein Mann in Brandenburg seine Katze vors Gesicht: ‚Hier haste was zu fressen!‘", ärgert sich Müller. "Die Katze machte kehrt und zerkratzte ihm das Gesicht. Ich rief den Notarzt."
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Eine Pflicht-Station in Storkow ist die Burg, aber die ist wegen der Pandemie noch geschlossen. Nur in der Bibliothek wird er ein Exemplar los. Insgesamt besucht er in Storkow über 25 Geschäfte, 20 Zeitungen bringt er unter die Leute. Meist kaufen Frauen, aber auch einige Männer wie Frank Elßner vom Bike-Shop in der Altstadt. Liane Hemmerling vom Weltladen nimmt drei Zeitungen und lädt Müller noch auf ein Käffchen zum Verschnaufen ein. Am Ende bleiben noch gute 40 Stück für Beeskow. Aber Müller ist zuversichtlich: "Gleich geht’s ab!"

Der Knick mit der Wende

Einen deutlichen Knick hinterließ die Wende in seiner Biografie. Denn mit ihr endete sein erstes berufliches Leben, von dem er so gern und detailreich erzählt: Olaf Müller war gelernter und ausbildender Brauer und Mälzer in der Engelhard-Brauerei des VEB Getränkekombinats Berlin. An jede Anlage, jeden Handgriff, die Kollegen und sogar die 28-jährige Brauerei-Katze Buberle, die insgesamt 68 Junge geboren habe, erinnert er sich noch genau.
Eine Familie gründete er nie. Von der Evangelischen Kirche ist er enttäuscht, so fand er vor über 20 Jahren zur Gemeinschaft der "Zeugen Jehovas": "Weil sie sich gegenseitig gut behandeln, vernünftig nämlich." An Wochenenden verteilt er deren Publikationen. Er spaziert und radelt gern.
Als das Kombinat 1990 aufgelöst wurde, fand er noch einen Job in einer Mälzerei. Doch den verlor er bald, weil er vom Schrotbohnenstaub Ausschlag bekam. "Und dann waren alle Brauer-Stellen besetzt", erinnert er sich. Seine Wohnung in Wildau konnte er nicht mehr halten, nachdem Mutter, Oma und Onkel gestorben waren, die sie mit bewohnten. Für einige Jahre zog er in einen Bauwagen. Und entdeckte den Straßenzeitungsverkauf als seine Chance.
Aus Brauerei-Zeiten, da er immer wieder am Ausschank zahlreicher Kneipen Brandenburgs – "für 60 Mark pro Sonderschicht" – aushelfen musste, kannte er potentielle Anlaufpunkte. Ausgehend von ihnen erschloss er sich ein Netzwerk von Oranienburg über Prenzlau und Frankfurt bis Beeskow. Letzteres nennt er seine "Lieblingstour". Warum, wird klar, als er die Kreisstadt erreicht.
In einer Stunde verteilt und verkauft er die übrigen Exemplare. Hildegard Zweigart in ihrer Buchhandlung und Sarina Woick im Orthopädie-Fachhandel nehmen jeweils schon drei Stück ab. "Das ist mal eine andere Lektüre, die über den Tellerrand hinaus geht", sagt Woick, "und für einen guten Zweck." Ob im "Dampferladen" oder der Apotheke am Markt, im Augenzentrum oder der Concordia-Versicherungen, bei Fahrrad Worreschk oder im Elektrohandel – die im Mittagstief sinkende Stimmung hellt sich schnell wieder auf. Halb drei, nach fünfeinhalb Stunden Laufen und Anbieten, sind alle Exemplare weg. Gut 50 Euro hat er verdient. Nach Beeskow und Storkow kommt Müller am 9. Juli wieder. Dann trägt er frische Zeitungen in den großen Taschen seiner Weste. Geknickt, aber verlässlich.
Unterwegs mit Straßenzeitungsverkäufer in Beeskow und Storkow

Bildergalerie Unterwegs mit Straßenzeitungsverkäufer in Beeskow und Storkow

Der Verein hinter "Karuna Kompass"


Die Karuna-Sozialgenossenschaft gibt in Berlin eine Straßenzeitung heraus und engagiert sich für Belange besonders benachteiligter Kinder, Jugendlicher und Familien sowie Wohnungsloser, in der Region zum Beispiel in Jamlitz mit demJustus Delbrück Haus und in Lieberose mit einem solidarischen Gemüsegarten. ploInternet: www.karuna-sozialgenossenschaft.de