Im Wohnzimmer des Ehepaars Miethke ist das ganz deutlich zu sehen. Die dicke Mauer ragt in den heimeligen Raum hinein. Etwa einen halben Meter muss sie dick sein. Aber die Miethkes können durch die Mauer hindurch schauen. Durchs Fenster in Richtung Musikschule und Jugendtreff.
Bis zur letzten Sanierung der Stadtmauer waren die Feldsteine alle komplett mit Efeu bewachsen. Die Miethkes zeigen Fotos davon. Das sah natürlich sehr schön aus, finden auch die Bewohner. Aber seit der Bewuchs weg ist, ist es seltener feucht-kalt im Raum, die Miethkes müssen weniger lüften. Vorher sei es "wie im Eiskeller" gewesen, erinnert sich Erich Miethke.
Temperatur ist ein wichtiges Thema für sie. Der alte Stubenofen ist vor Jahren der Renovierung zum Opfer gefallen, der Kachelofen im Schlafzimmer aber steht noch. Und wird regelmäßig beheizt, auch noch Anfang März diesen Jahres.
Seit 1966 wohnen die Miethkes in dem schmalen Häuschen: auf 55 Quadratmetern, keine 15 Meter lang, etwa 3,50 Meter breit. Als sie ihr neues Heim bezogen, war der Haupteingang noch auf der Giebelseite am Luckauer Turm, ihrem schweigsamen, dicken Nachbarn. Der Kellereingang war draußen, im Hof. Heute gehört die Luke zum Haus, weil die Miethkes einen Anbau für den Flur errichtet haben.
Lange Suche, schnelle Entscheidung
1962 heirateten Irmgard und Erich. Da wohnten sie noch in einer engen Einraumwohnung in der Brandstraße. Im folgenden Jahr wurde ihr erster Sohn, Karsten, geboren. In dem einen Zimmer wurde es endgültig zu eng. Immer wieder bemühten sich die jungen Eltern beim Wohnungsamt um eine größere Wohnung. Aber es gab eben nichts. Bis sich ein Mitarbeiter und Bekannter für sie einsetzte. Beim Rat des Kreises. Auch beim Bezirksamt.
In der Mauerstraße 57 wohnte damals eine ältere Frau. Als sie starb, erfuhren Miethkes über den Beamten von dem Leerstand an der Mauer. "Dann hatten wir eine Stunde Zeit für die Entscheidung", erinnert sich Erich Miethke mit einem Schmunzeln. Aber es war klar: ein eigenes Haus, immerhin zwei Zimmer. Sie kauften es. Für übliche, aber dennoch beträchtliche 5000 DDR-Mark.
Einmal habe er später kurz überlegt, aus dem Mauerhäuschen wegzuziehen, gibt Erich Miethke zu. Aber dann überwogen doch die Vorteile – vor allem der Lage. "Wir sind hier mitten in der Stadt, Einkaufsmöglichkeiten und auch das Krankenhaus sind nah", ist seiner Frau Irmgard wichtig. Die Jugendweihe ihres Sohnes Karsten im Jahr 1977 feierten sie in ihrem Haus. Das war wohl mit 20 Gästen die größte Feier, die sie in dem schmalen Gebäude ausrichteten. "Wir haben alle Möbel ins Schlafzimmer gebracht, damit wir hier in der Stube Platz haben für alle", erinnert sich Irmgard Miethke. Und lacht. Früher habe sie oft geflucht über die Enge hier. Als die Kinder klein waren, ja, da sei es sehr eng gewesen. Aber jetzt fühlten sie sich wohl.
Die Miethkes werden beide noch dieses Jahr 80 Jahre alt. Ihre zwei Söhne, Karsten und Steffen, sind ebenso heimatverbunden wie sie selbst. Beide leben noch in Beeskow, beide machten ihre Ausbildung und arbeiten noch immer bei der "Spanplatte". Irmgard Miethke kommt ursprünglich von einem Bauernhof aus Briescht. Ihr Mann Erich ist Ur-Beeskower.
Wie Dieter Gutsche im Beeskower Heimatheft 25 "Beeskower Stadtgeschichten – Leben und Wohnen an der Stadtmauer" schreibt, soll das Grundstück selbst "über 500 Jahre alt sein und das heutige Fachwerkhaus mindestens 300 Jahre". Das Gebäude diente früher als Unterkunft der Stadtwache und Zollstation am Eingang zur Stadt. Eine Zeit lang mussten Einreisende gar Feldsteine mitbringen. Mit denen wurde dann die Stadtmauer aufgebaut. Es gab auch einen Arrestraum, heißt es. Aber davon ist heute nichts mehr zu sehen. Das Haus ist nicht einmal komplett unterkellert.
Partyboden über Dächern der Stadt
Die Miethkes mussten das einst marode Gebäude in den vielen Wohnjahren natürlich renovieren. Kleine Vordächer gegen Regen haben sie angebracht und den Trockenboden zu einem Dachgarten für Feste und Blumen ausgebaut. Jeden Tag steigt Irmgard Miethke noch heute über die steile Leiter hinauf, um dort beispielsweise Wäsche zu trocknen. Oben angekommen steht sie praktisch auf der Stadtmauer, kann den Beeskower Altstadthäusern aufs Dach schauen sowie dem Verlauf der Stadtmauer folgen. Einmal, so erinnert sich Mann Erich, habe sogar jemand versucht, über die Mauer und Dächer in ihr Haus einzubrechen.
Der ehemalige Weichturm wurde als Nebengelass ausgebaut. Darin befindet sich nun unten der Waschraum mit Dusche. Und oben das ehemalige Kinderzimmer, heute Arbeitszimmer für den Hausherr Erich Miethke.
Im Innern ist es eng, wenn zwei Menschen sich aneinander vorbei schieben wollen. Aneinandergereiht liegen die Räume: Vom Eingangsbereich mit Toilette kommt man in die Küche, weiter ins Wohnzimmer und dahinter liegen Schlafzimmer und Vorratskammer. Früher kam man über die Kammer ins heutige Schlafzimmer, das damals aber Stube war. "Bei uns ist es wie im D-Zug, sagen wir immer", lacht Irmgard Miethke und zwinkert ihrem Mann Erich zu. Die Räume hängen wie Waggons aneinander.
Wohin die Reise ihres Mauer-D-Zugs einmal gehen wird? Die Miethkes könnten sich ja ein Museum vorstellen. Aber das soll dann die nächste Zugführer-Generation entscheiden.