Gabriele und Volker Gottschall gehören zu den Stammbesuchern der Burg Beeskow. Auch in diesem Jahr waren sie bei fast alle Veranstaltungen auf dem Hof dabei. Der Samstagabend mit Joseph Roths „Legende vom heiligen Trinker“, dargeboten von dem Internationalen Wandertheater „Ton und Kirschen“, war jedoch für sie der Höhepunkt des Sommers. Die beiden Ranziger begeisterten sich über die „enorme Wandlungsfähigkeit und Spielfreude“ jedes einzelnen der sieben Darsteller. „Aus jeder der vielen Szenen wurde slapstickartig fast ein kleines eigenes Stück gemacht“, hat Gabriele Gottschall kompetent analysiert und auch erkannt, dass sich trotzdem „alles mit einer unglaublichen Poesie zu einem großen Ganzen“ zusammenfügt.
Die Geschichte der letzten drei Wochen im Leben eines Trinkers ist schnell erzählt. Er erhält 200 Francs, um diese in die Kapelle der heiligen Therese zu bringen. In einer gebraucht gekauften Brieftasche findet er eintausend Francs. Auf merkwürdige Art bekommt er noch zweimal Geld, und er verdient sich sogar einmal etwas bei einem Gelegenheitsjob. An zwei Sonntagen jedoch verpasst er die Zeit, in der die Kapelle geöffnet ist, denn der einstige Grubenarbeiter aus Schlesien kann sich nicht aus seinem Trinkerdasein lösen. Er lässt sich in einem noblen Hotel mit einer Kasinotänzerin ein, die ihm sein gesamtes Geld stiehlt und verbringt mit einem alten Kumpel drei Tage im Mont Martre. Als er endlich rechtzeitig mit Geld zur Kapelle kommt, bricht er zusammen und stirbt.

Teufelskreis Alkohol

Der Roman von Joseph Roth, der dem Theaterstück zugrunde liegt, ist eine sozialkritische Milieustudie und gleichzeitig die psychologische Analyse eines Krankheitszustandes. Deutlich wird, dass die gesamten Lebensumstände und auch seine sogenannten Freunde daran schuld sind, dass er nicht aus dem Teufelskreis herausfindet. Immer wieder trifft er auf Menschen, die ihn verführen.
Trotz des ernsten Hintergrunds ist die Geschichte originell und witzig aufgearbeitet worden, ohne jemals in Klamauk zu verfallen. Es wurde im Publikum oft verhalten gelacht, und es gab auch Szenenapplaus, etwa bei der kuriosen Darstellung eines Wohnungsumzugs, bei dem die Hausherrin mit der Peitsche in der Hand die Helfer wie bei einer Pferdedressur im Zirkus dirigierte. Es waren viele großartige pantomimische Szenen dabei. Auch Musik spielte eine wichtige Rolle, einmal aus einem Musikautomaten, zum anderen mit einer stimmungsvollen Jazzeinlage live. Die Kulissen des kleinen Wandertheaters waren schon fast ein Wunderwerk, spartanisch, aber von Szene zu Szene überaus überraschend und einfallsreich.