"Er war erst 13Jahre alt, als er hier herkam", sagt Lara Schulze und zeigt auf die Schwarz-Weiß-Bilder, die hinter ihr auf der Wand projiziert werden. Mit "hier", meint die 15-Jährige das ehemalige KZ-Außenlager in Lieberose, an das heute nur noch Dokumentationstafeln erinnern. An diesem Ort kamen vor 70 Jahren, am 5.Juni 1944, erstmals Viehwaggons mit jüdischen Häftlingen aus dem Vernichtungslager Ausschwitz-Birkenau an. Darunter auch Hugo Gryn, dessen Geschichte die Gymnasiastin in der nächsten halben Stunde erzählen wird. "Ich habe das Buch, veröffentlicht von seiner Tochter Naomi Gryn, komplett gelesen", versichert die Schülerin, die sich von der knapp 300 Seiten dicken Autobiografie, welche auf Englisch verfasst wurde, nicht abschrecken ließ.
Hugo Gryn arbeitete im Außenlager Lieberose unter schwersten Bedingungen. Sein Vater war ebenfalls hier interniert, starb jedoch drei Tage nach der Befreiung 1945 an Unterernährung und Typhus. Überlebt haben den Holocaust nur er und seine Mutter, die er nach Jahren in seinem Heimatdorf Berehowe in der heutigen Westukraine, an der Grenze zu Ungarn, wiedertraf.
Lara Schulze hat sich die Mühe gemacht, im Rahmen ihrer dreimonatigen Facharbeit, sich jedes Detail des Außenlagers anzu- gucken. Anhand von alten Karten der SS und einem selbst gezeichneten Lageplan von Hugo Gryn, beschreibt sie die Situation im KZ-Außenlager, das für seine furchtbaren Arbeitsbedingungen berüchtigt war. "Besonders bewegt hat mich, dass Hugo Gryn und andere Häftlinge es dennoch geschafft haben, eine kleine Zeremonie abzuhalten", sagt die Schülerin. Mit selbst gebastelten Kerzen aus Margarine feierten sie heimlich in einem der Blöcke eines ihrer jüdischen Feste.
Von diesen Erlebnissen erfuhr Naomi Gryn, die Tochter des 1996 verstorbenen Rabbiners, erst als sie 13 Jahre alt war. "Mein Vater und ich waren nach Israel gereist und besuchten Yad Vashem (die bedeutendste Holocaust-Gedenkstätte weltweit: Anmerk. d. Red.) in Jerusalem, als er auf einen Ort nahe Berlin zeigte und sagte: "Dort war ich, als ich so alt war wie du jetzt", berichtet die heute 53-Jährige. Von diesem Zeitpunkt an erfuhr sie stückchenweise mehr über das Schicksal ihres Vaters. "Er redete kaum über seine Erlebnisse in Lieberose", erinnert sich Naomi Gryn, "vielmehr erzählte er von seiner Kindheit in Berehowe und seiner Familie."
Das war auch der Anstoß, Jahre später den Dokumentationsfilm "Chasing Shadows" (engl: Jagende Schatten) über ihren Vater zu drehen. Zusammen mit ihm reiste sie in seine alte Heimat, 45 Jahre nachdem er diese verlassen musste. "Es war beeindruckend. Ich konnte mir richtig vorstellen, wie meine Vorfahren dort gelebt haben", erzählt sie.
Für Lara Schulze ist die Begegnung mit der Tochter jenes Mannes, über den sie referiert hat, etwas Besonderes. Die beiden kommen ins Gespräch. "Ich freue mich, dass ich die Gelegenheit hatte, sie kennenzulernen."
Verbunden durch das Schicksal eines jüdischen Häftlings: Lara Schulze (links) hielt anlässlich des 70.Jahrestages des ersten Transports jüdischer Häftlinge ins KZ-Außenlager Lieberose 1944 einen Vortrag im Jamlitzer Justus-Delbrück-Haus und traf auf die britische Filmemacherin Naomi Gryn, deren Vater das Lager überlebte.Fotos (2): Annika Bischof
Lara Schulze beschäftigte sich drei Monaten mit dem Aufenthalt jüdischer Kinder im KZ-Außenlager Lieberose