Dicke Rohre, die sich wie riesige Schlangen über Straßen und Wege winden, sich um Sportplätze herumschlängeln und die warmes Wasser vom einem Kraftwerk in die Wohnquartiere befördern: Dieser Anblick ist vielen Bürgern vor allem in den größeren Städten vertraut. Der Vorteil liegt auf der Hand: Eine einzige Heiztherme im Fabrikformat versorgt Hunderte von Haushalte, die sonst über Dutzende kleine Kessel versorgt werden müssten. Dass Fernwärme nicht flächendeckend angewendet werden kann, liegt vor allem an dem Aufwand des Wassertransports und dem Verlust von Wärmeenergie über weite Strecken. Daher ist diese Energieform bisher auf die größeren Städte mit einer hohen Einwohnerdichte limitiert.
Gute Erfahrung mit Fernwärme macht man in Eisenhüttenstadt, zum einen, weil es sich um eine preiswerte Energie handelt, zum anderen weil die Fernwärme klimaneutral gewonnen wird. Denn im großen Kraftwerk der Vulkan Energiewirtschaft Oderbrücke GmbH (VEO) auf dem Gelände von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt wird das in den Hochöfen anfallende Hüttengas in Strom und Wärme umgewandelt. Zum einen geht die Energie wieder zurück in das Werk von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt. Zum anderen kann die produzierte Wärme den Bedarf von mehreren hundert Wohnungen in Eisenhüttenstadt abdecken. Es gibt darüber hinaus noch große Kapazitäten für die Versorgung weiterer Gebäude mit Fernwärme. Nachdem sich die beiden großen Vermieter der Stadt, die städtische Gebäudewirtschaft (Gewi) und die Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft (EWG) nach der Wende entschieden hatten, viele Gebäude mit Gaskesseln für die Gewinnung von Wärme und warmem Wasser auszustatten, geht nun, da eine turnusmäßige Erneuerung der Kessel ansteht, der Trend eindeutig wieder zur Fernwärme. Die EWG hat erst kürzlich ihren Gebäudebestand im V. Wohnkomplex auf Fernwärme umgestellt. Die Gewi, die nach der Wende viele Blöcke in der Innenstadt, nachdem ein Kraftwerk, das Fernwärme geliefert hatte, abgerissen wurde, auf Gas und Elektro-Energie für warmes Wasser umgestellt hatte, investiert nun mit den Stadtwerken in die Umrüstung auf die Fernwärme. Die Stadtwerke GmbH Eisenhüttenstadt verkauft aktuell rund 100000 MWh Wärme im Jahr. Die Länge der Rohrleitungen, über die die Fernwärme verteilt wird, beträgt rund 85 Kilometer, die Fernwärmetrasse an sich ist 35 Kilometer lang.
Auch in Erkner ist Fernwärme sehr wichtig - und ein Überbleibsel einer weitestgehend erloschenen industriellen Vergangenheit. Die örtliche Tewe Energieversorgung ist aus dem einstigen Teerwerk hervorgegangen und das einzige, was von dem Teer verarbeitenden Betrieb übrig geblieben ist. Sie beliefert heute noch die städtische Wohnungsgesellschaft mit ihren rund 2600 Wohnungen, außerdem Objekte der Stadt selbst und andere Kunden. Die Gesellschaft, mittlerweile eine 100-prozentige Tochter der EWE, verkauft unter 20 000 Megawattstunden im Jahr, sagt Geschäftsführer Jörg Wieczorke. Zur Produktion der Fernwärme kauft er bislang kein Gas aus Bioanlagen; es wäre deutlich teurer und würde auf den Fernwärmepreis durchschlagen, sagt Wieczorke. Gleichwohl seien in dem gekauften Gas auch Biogas-Anteile enthalten - ein Mix ähnlich wie beim Strom, dem man seine Herkunft nicht ansieht.
In den vergangenen Jahren hat sich die Fernwärme auch im ländlichen Raum etabliert: Die ein oder andere Biogasanlage hat nämlich Wärmeenergie übrig, die sonst ungenutzt verpufft. In Beeskow versorgt die Firma Energie- und Kommunaltechnik (EKT) mit Hilfe einer Fernwärmeleitung, die von der Biogasanlage der Firma New Energy in Oegeln bis ins Stadtzentrum Beeskow gelegt wurde, mehrere kommunale Gebäude. Dazu zählen das Rathaus, die beiden Grundschulen, die Oberschule, das Seniorenheim sowie einige Wohnblöcke.
Auch die Biogasanlage des Erlanger Firma Niersberger, die von der Agrargenossenschaft Friedland betrieben wird, gerät als Lieferant einer Fernwärme-Nahversorgung ins Gespräch. Derzeit versucht die Firma Naturstrom in Zusammenarbeit mit Niersberger, die Abwärme der Friedländer Anlage an den Mann zu bringen. Dazu ist eine Fernwärme-Nahversorgungsleitung geplant, die in Friedland öffentliche Gebäude, wie Rathaus, Kita Mehrzweckhalle und Schule, aber auch private Haushalte mit Wärmeenergie versorgen kann. Die Stadt und einige Privatleute haben bereits Interesse bekundet, sich am Angebot beteiligen zu wollen, bis das Projekt wirtschaftlich wird, muss Naturstrom allerdings noch kräftig die Trommel rühren.
Ein ähnliches Geschäftsmodell - Biogasanlage versorgt einen angrenzenden Ort mit Fernwärme, funktioniert in Sauen seit 2009. Die Agrarprodukte Sauen betreibt die Biogasanlage der Potsdamer Firma e.distherm. Von hier aus wird Wärmeenergie nicht nur auf dem gesamten Betriebsgelände des Agrarbetriebs, sondern auch in den Ort gepumpt. In Sauen hängen das Gutshaus (Außenstelle der Universität der Künste Berlin), Gebäude der Stiftung August Bier, das Dorfgemeinschaftshaus sowie elf private Haushalte am Fernwärme-Nahversorgungsnetz. Laut dem stellvertretenden Ortsvorsteher Hartmut Noppe lohnt sich das Vorhaben für den Endabnehmer. Er spricht von einer Kostenersparnis im Vergleich zu einer fossilen Wärmenergieversorgung (Gas, Öl) von bis zu 50 Prozent.
Auch die Agrargenossenschaft Neuzelle hat sich einen Weg überlegt, die Abwärme ihrer Biogasanlage in Wellmitz (Gemeinde Neißemünde), die beim Verbrennen des Methangases im eigenen Blockheizkraftwerk entsteht, optimal zu nutzen. Sie wird verwendet, um das Wasser in der angrenzenden Landfleischerei zu erhitzen und um die Sozialgebäude und die Ställe, die ebenfalls auf dem Areal angesiedelt sind, zu beheizen. Außerdem wird das Getreide aus der eigenen Ernte mit dieser getrocknet. Eine Möglichkeit, künftig auch private Haushalte von der 2011 eröffneten Biogasanlage aus mit Wärme zu versorgen, sieht Frank Matheus, Vorsitzender der Agrargenossenschaft, nicht. Im Sommer gebe es zwar ein paar Überschüsse. "Im Winter reicht die Wärme aber gerade so, um unseren eigenen Bedarf zu decken", berichtet er.