Seit 2004 hat die multimediale Schau mehr als 80 Orte angesteuert. Bis zum 19. April haben Eberswalder Schüler und Jugendgruppen die Gelegenheit, sich virtuell über sechs Stationen durch die Nazi- und Aussteigerkarriere von Mario S. zu bewegen und dabei zu begreifen, wieso junge Menschen in "Die braune Falle" tappen.
Sichtlich bewegt erzählte Martin Hoeck während der Eröffnung am Montagabend, warum es ihm so wichtig war, die Ausstellung nach Eberswalde zu holen. Mit 16 Jahren wurde der Eberswalder DVU-Mitglied. Er saß sogar im Brandenburger Landtag für diese rechtsextreme Partei, die inzwischen nicht mehr existiert. Als er 2009 im Holocaust-Museum in Washington Bilder der brennenden Eberswalder Synagoge sah, war er zu Tränen gerührt. 2005 trat er aus der DVU aus, erzählte der FDP-Politiker, der für den Bundestag kandidieren will. Die Rückkehr ins demokratische Leben sei schwer gewesen. "Mein Ausstieg war der Einstieg in ein neues Leben", sagt der 28-Jährige heute. Ihm sei es wie Mario S. gegangen.
Wie wichtig es sei, aufzuklären, das betonte auch Cordula Hallmann, leitende Regierungsdirektorin im Bundesamt für Verfassungsschutz. Die Ausstellung knüpfe direkt an die Lebenswelt der Jugendlichen an und erläutere neben den Erscheinungsformen von Rechtsextremismus auch den Reiz des Verbotenen und Strategien. Die Rolle von Musik, sozialen Netzwerken und Computerspielen sei dabei in den zurückliegenden Jahren enorm gewachsen. Sogenannte Fackelmärsche auf Youtube, Kinderfeste der NPD oder die Wahl in Elternvertretungen und Bürgerinitiativen seien heute an der Tagesordnung. Allein bei der sogenannten Schulhofaktion wurden 200 000 Datenträger mit Musik unter die Schüler gebracht.
Hellmann berichtete von 9800 Deutschen mit klar rechtsextremen Mitgliedschaften in der NPD oder Vereinen. Jeder Zweite sei gewaltbereit. Allein 350 von 755 Gewalttaten im Vorjahr waren fremdenfeindlich motiviert. Die von Neonazi Christian Worch gegründete Partei "Die Rechte" habe mittlerweile 300 Mitglieder. Die Verfassungsschützer sprechen von der "Generation Hoyerswerda", die direkt zum bewaffneten Kampf aufruft. Das gezielte Provozieren von Salafisten und die kalkulierte Gegenwehr gehörten zu ganz neuen Tendenzen der Nazi-Szene.
Neun Vereinsverbote habe es seit 2011 gegeben, darunter zwei in Brandenburg. Carlo Weber, Leitender Oberstaatsanwalt in Frankfurt/Oder, sah im Grundgesetz den wichtigsten Baustein wehrhafter Demokratie. Die NSU-Morde würden jedoch einen großen Schatten werfen, klammerte Weber Aktuelles nicht aus. Die Demokratie zu stärken und Jugendliche einzubeziehen - von der Feuerwehr bis zu Bildungseinrichtungen - darin sei ein wesentlicher Ansatz im Kampf gegen Rechtsextremismus zu sehen.
Das sah auch Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski so, der an den schrecklichen Mord an Amadeu Antonio erinnerte. "Dieser Mord hat unsere Stadt verändert", sagte Boginski. Seither sei die Bürgerschaft aufgestanden. Auch wenn Eberswalde heute nicht rechtsextremfrei lebe, so habe die Stadt doch an Weltoffenheit gewonnen. Mit Veranstaltungen wie dem Antirassismustag oder internationalen Studien der Hochschule für nachhaltige Entwicklung gewinne die Stadt immer mehr an demokratischem Profil.
Geöffnet ist im Familiengarten Montag bis Mittwoch von 8.30  bis 16 Uhr, donnerstags bis 17.30 Uhr, freitags bis 13 Uhr. Anmelden können sich Gruppen unter 03334 64411.