Cordula Roemer strahlt Ruhe aus. Der Besucher hat das Gefühl, dass sie aufmerksam zuhört. Die Augen schauen freundlich und offen. Seit 2007 hat das Leben der studierten Diplompädagogin eine ganz neue Wendung bekommen. "In dem Jahr bin ich über den Begriff Hochsensibilität gestolpert und dachte, die reden ja über mich", erinnert sie sich. Plötzlich gab es Erklärungen für die Schwierigkeiten, mit denen sie sich ihr Lebtag geplagt hat.
Cordula Roemer hat in Berlin studiert und ist 30 Jahre der Stadt treu geblieben. Doch 2009 zog es sie in den Barnim, zuerst nach Bernau und 2012 schließlich nach Biesenthal. Seit 1983 arbeitete sie in der Sozialberatung, hat aber in den Jahren 2010, 2011 ihr Leben umgestellt und widmet sich nun ganz dem Thema Hochsensibilität.
Sie begann 2007, sich über dieses Thema zu informieren, vor allem im Internet, weil sie dachte "ich kann ja nicht die einzige sein". Sie wusste inzwischen, dass etliche Freunde auch zu den Hochsensiblen gehören. In Berlin, wo die gebürtige Hessin, sie stammt aus der Nähe von Frankfurt (Main), damals wohnte, gab es gar nichts. So entschloss sie sich, einen Anfang zu machen. Sie etablierte in Berlin-Kreuzberg am Moritzplatz eine Art Stammtisch, an dem sich Hochsensible über ihre Erfahrungen und Lebensstrategien austauschen konnten.
Im Jahr 2009 hat sie ihren ersten Vortrag gehalten. Erst kamen nur wenige, aber bei weiteren Vorträgen wurden es immer mehr. Inzwischen hat sie auch ein Buch geschrieben. Es hat den Titel "Ich bin wie bin. Hochsensible Menschen erzählen aus ihrem Leben." Und wer sich direkt von ihr beraten lassen möchte, kann in ihren Praxisraum nach Berlin-Karow kommen. Zu ihren aktuellen Aufgaben gehört aber beispielsweise auch ein Seminar am am Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin/Brandenburg.
Wie geht es aber Menschen, die als hochsensibel gelten? Sie zeigen eine gewisse Zurückhaltung und sind scheu, haben auch Probleme mit Veränderungen, erläutert Cordula Roemer. Andererseits zeichnen sie sich durch hohe Kreativität, viel Fantasie und ein reges Innenleben aus. Bei Kindern falle auf, dass sie viel nachdenken, früh tiefgründige Fragen stellen und oft auch einen sehr innovativen Denkansatz haben.
Damit verbunden sind aber auch Mankos. Die Expertin verweist darauf, dass hochsensible Menschen schnell erschöpft sind, dass sie im Beruf wesentlich schneller als andere von Kollegen entnervt sein können. Sie merken, wenn sich Menschen nicht authentisch verhalten und können schlecht unter Druck arbeiten. Hinzu komme, dass Hochsensible Probleme damit haben, wenn ihnen etwas vorgeschrieben wird. Andererseits klappt es besser, wenn sie in Eigenregie tätig sind. Sie können dann gut komplex arbeiten. Wenn sie sich verpflichtet fühlen, dann bringen sie auch eine Leistung von 200 Prozent, hat die Diplompädagogin erfahren, die sich auch mit Körper-, Gespräch- und Gestalttherapie der Psychologie angenommen hat.
In ihren Beratungen kann sie auf all diese Faktoren eingehen. Erwachsene lernen bei ihr unter anderem, was sie in ihrem Leben ändern müssen, um besser zurecht zu kommen. Es kommen aber auch Eltern zu ihr, die denken, dass mit ihrem Nachwuchs etwas nicht stimme. Einige haben nach einem Test zu ihr gesagt: "Jetzt verstehe ich zum ersten Mal mein Kind".
In der Beziehung kommt Cordula Roemer auf einen bisher noch nicht so beachteten Zusammenhang, nämlich den von Hochsensibilität und ADHS bei Kindern. Die Merkmale von ADHS sind nach Auffassung von Cordula Roemer ähnlich. Dazu gehört die Impulsivität und Unkonzentriertheit, um nur Beispiele dafür zu nennen. Die Kinder können Unruhe, die in Klassenzimmern herrscht, nicht ableiten. So führen auch Kita und vor allem Schule bei hochsensiblen Kinder zur Überreizung, weil sie alles viel intensiver aufnehmen. "Um sich davor zu schützen, entwickeln diese Kinder dann bestimmte Verhaltensmuster", erläutert die Diplompädagogin. Das sei zum einen Stille und zum anderen Unaufmerksamkeit. Dazu kommen Tagträumereien, Zappeligkeit und Wutausbrüche .
Dem könne man begegnen, in dem die Reizüberflutung verhindert wird, was allerdings an Schulen kaum funktioniere. Zum Teil seien Montessori-, Waldorf- oder andere freie Schulen eine Alternative, aber auch nicht jede. Eltern könnten aber dazu beitragen, dass etwa das Kinderzimmer nicht überladen wird, so dass es dort auch Ruhepunkte für das Auge gebe. Darüber hinaus gebe es aber auch den Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Hochbegabung, weist sie auf einen weiteren Aspekt des breiten Themenspektrums hin.
Mehr Informationen im Internet unter http://sensibel-beraten.de