"Ich war neun Jahre alt, als der Krieg über unsere Familie hereinbrach. Wir, meine Eltern, meine drei Brüder und ich, lebten damals in einem kleinen Dorf in Pommern, das sich unweit der damaligen polnischen Grenze befand. Umgeben von Wäldern und Seen war dieser Ort für uns ein idealer Spielplatz". Mit diesen Sätzen über eine unbeschwerte frühe Kindheit beginnt das kleine Buch von Rita Winz. Gewidmet hat es die 78-jährige Birkholzauerin allen Kriegsmüttern - den tatsächlichen Heldinnen des Krieges, wie sie schreibt. Es ist auch ein Vermächtnis für die Generation, die diese Schrecken nie erlebt hat und hoffentlich auch nie erleben wird.
Rita Winz hat in ihren jungen Jahren viel erlebt, vielleicht mehr als ein Kind verkraften kann. Der Vater wurde früh zum Militärdienst eingezogen, ihre Mutter musste die vier Kinder alleine versorgen. Dann, im Dezember 1944, die Nachricht: der Vater ist gefallen. "Für uns brach eine Welt zusammen", erinnert sich Rita Winz. Wenig später rückten die russischen Truppen immer mehr an das Heimatdorf heran, die Flucht begann. In einer "Nacht- und Nebel-Aktion" ging es zunächst auf Lastkraftwagen auf die Reise. Später nutzte die Familie auch Züge, oft mussten aber auch alle zu Fuß gehen. "Es war Februar und kalt und wir waren hungrig", sagt die Birkholzauerin.
Irgendwann war ein Frachtschiff der rettende Anker. Es fuhr nach Dänemark und eine Insel sollte für zwei Jahre die Heimat der Familie werden. In Baracken und hinter Stacheldraht gab es genügend zu essen, auch wurden alle gesundheitlich betreut. Sogar so etwas wie Unterricht bekamen die Kinder. "Nur Weihnachten war schlimm".
In die dortige Zeit zwischen 1945 und 1947 platzte auch die Nachricht, dass der Vater noch lebt. Schließlich kamen alle wieder zusammen - auf einem Bauernhof im uckermärkischen Vierraden. "Für mich war das ein fremder Mann", sagt Rita Winz. Sie war, als ihr Vater in den Krieg ziehen musste, noch zu klein, um sich erinnern zu können.
Die junge Frau lernte zunächst Verkäuferin, zog schließlich nach Bernau und arbeitete als Buchhalterin beim HO-Gaststättenbetrieb. Im Jahre 1957 lernte sie, beim Hussitenfest, ihren späteren Mann Günther kennen. Wenige Monate später stand Hochzeit an. Die neue Heimat wurde ein kleines Grundstück in Birkholzaue. Dort fühlte sich Rita Winz von Anfang an wohl. "Die schlimmen Erinnerungen, immer wieder wachgerufen durch Worte wie Umsiedler, Flüchtlinge, Fremde, verblassten mit der Zeit", schreibt die Autorin in ihrem Buch.
Doch so ganz konnte sie die Vergangenheit nicht abschütteln. In gemütlichen Runden wurde oft von "früher" erzählt und schließlich reiften Pläne, mal wieder die alte Heimat zu besuchen. Der Traum wurde wahr, nach langer Vorbereitung und einigen Schwierigkeiten ging es in Richtung Osten. Dort gab es eine stürmische und tränenreiche Begrüßung. Ganz Reckow, der Geburtsort von Rita Winz, war auf den Beinen. Auch Platenheim, das Dorf der Kindheit, wurde besucht. Je näher sie dem Ort kam, umso mehr verließ sie die Beherrschung und Tränen schossen ihr in die Augen. Was sie sah, ließ dann alle Träume wie eine Seifenblase zerplatzen. "So hatte ich mir die Ankunft in meinem Platenheim nicht vorgestellt", heißt es im Buch.
Vieles hatte sich in den zwanzig Jahren verändert, für Rita Winz war fast alles fremd. Die Häuser waren dem Verfall preisgegeben. "Hier hatte der Krieg mehr als nur Häuser und Städte zerstört", dämmert es Rita Winz. Und eine Frage beschäftigt die rüstige Seniorin seitdem: Wozu dieser Krieg?
Die Birkholzauerin hat keine Antwort gefunden, wohl auch, weil es keine gibt. Vor zwei Jahren hatte sie dann aber die Idee, das aufzuschreiben, was sie damals auf der Flucht erlebt hatte. Zuerst notierte sie ihre Erinnerungen handschriftlich, eine Freundin schrieb später alles auf dem Computer ab. Auch die Enkel unterstützten sie. Im November kam das schmale Bändchen heraus.
"Es ist wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen", findet Rita Winz. Wenn sie liest, was sie geschrieben hat, kullern immer noch die Tränen. "Solche Erlebnisse vergisst man nie".
In den vergangenen Jahrzehnten ist das Ehepaar noch oft nach Polen gefahren. Man fand neue Bekannte und Freunde. Bei vielen Hochzeiten und Kommunionsfeiern waren die Birkholzauer dabei. Eine weitere Reise wird es aber nicht mehr geben. Mit fast 80 Jahren will das Ehepaar nicht mehr die Strapazen auf sich nehmen. Was bleibt, sind Erinnerungen an ein erfülltes Leben.
Rita Winz: Kindheit - Flucht - Wiederkehr, Verlag tredition GmbH Hamburg. Das Buch ist auch in der Buchhandlung in der Bahnhofspassage und in der "Schatzinsel" erhältlich.