Doppelt so hoch, doppelt so stark - so soll die neue Stromtrasse durch die Uckermark und Barnim werden, die der Netzbetreiber 50 Hertz plant. Bei einem öffentlichen Forum in der Blumberger Mühle tauschten Netzbetreiber, Bürgerinitiativen und Ministerium Argumente aus. Zweifel bleiben.
Windräder, große Biogasanlagen und wachsende Solarparks im Norden Brandenburgs und in Mecklenburg-Vorpommern produzieren Strom für Ballungs- und Industriezentren im Süden. Strom, der gebraucht und der aus regenerativen Energien auch politisch gefördert wird.
Längst sind die vorhandenen alten Stromnetze an ihre Grenzen gekommen. Kraftwerke müssen abgeschaltet und Windräder angehalten werden. "Das kostet doppelt. Strom, der produziert und verkauft ist, aber durch Kapazitätsprobleme des Stromnetzes nicht abtransportiert werden kann, führte im vergangenen Jahr zu Mehrkosten von 100 Millionen Euro. Kosten, die am Ende der Verbraucher zahlen muss", argumentiert Frank Golletz, Technischer Leiter des Netzbetreibers 50 Hertz. Das Unternehmen als Nachfolger von Vattenfall plant deshalb den Neubau einer Höchstspannungsleitung, die vom Gesetzgeber in einem beschleunigten Verfahren bevorzugt wird. "Die Energieerzeugung wird sich mit der Energiewende künftig von Süden nach Norden verlagern", bestätigt auch Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke). Für den schnellen Transport sind "Stromautobahnen" nötig. 115 Kilometer schlängelt sich die neue Leitung von Bertikow bis Neuenhagen mitten durch das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin mit einem Schlenker nach Vierraden mit Anbindung nach Polen. Sie durchquert 24 Landschafts- und Naturschutzgebiete und 26 Ortschaften: Blumberg, Börnicke, Sydower Fließ oder Eberswalde. Überwiegend sollen die bestehende Trasse der 110- bzw. 220-kV-Leitung dafür genutzt und erweitert und die alten Leitungen abgerissen werden. Die neuen Masten ragen mit 70 Metern doppelt so hoch in den Himmel und stellen jeden Kirchturm in den Schatten.
Seit 2005 laufen die Vorbereitungen. 2012 sitzen zum ersten Mal Brandenburgs Wirtschaftsminister, 50 Hertz und betroffene Bürger zum Dialog zusammen. Fünf Minuten vor zwölf, denn das Planfeststellungsverfahren als letzte und wichtigste Hürde vor der Genehmigung des Bauvorhabens steht kurz vor der Entscheidung. "Wir holen heute das nach, was eigentlich schon 2007, 2008 und 2009 hätte erfolgen müssen", räumt Ralf Christoffers Versäumnisse ein. Die Diskussionsrunde zwischen allen Beteiligten sei Modell, wie man künftig gerade bei konfliktgeladenen Projekten miteinander reden könne, so Christoffers.
Für die Bürgerinitiative "Biosphäre unter Strom" und viele Gäste der sehr gut besuchten Veranstaltung kommt diese Transparenz zu spät. "Seit 2008 haben wir uns um Aufklärung bemüht. Wir sind nur Amateure, aber erst wir haben die Planungen transparent gemacht, Argumente gesammelt und Alternativen für die Trassenführung vorgeschlagen. Aber wir wurden weder angehört noch unsere Vorschläge berücksichtigt", kritisiert Hartmut Lindner, Sprecher der Bürgerinitiative. "Mit Veröffentlichungen im Amtsblatt erreicht man die Bürger nicht. Man muss in die Gemeinden gehen, in Einwohnerversammlungen", richtete er sich direkt an Minister Christoffers. Die Planungsordner, die im Planfeststellungsverfahren schließlich zur öffentlichen Einsicht in den Amtsstuben auslagen, füllten 15 Umzugskartons, beschrieb Lindner. "Welcher Bürger soll sich da durchkämpfen?"
Die mangelnde Einbeziehung der Bevölkerung und die Sorge um Naturschutz, Landschaftsbild und mögliche Gesundheitsgefahren durch die 380-Kilovolt-Freileitung bringt Betroffene auf die Palme. Zufriedenstellende Antworten fanden sie auch beim Forum in der Mühle nicht.
"Die Bürger werden verschaukelt. Es gibt Alternativen zu der umstrittenen Trassenführung mitten durchs Biosphärenreservat, zum Beispiel parallel zur Autobahn. Warum die nicht diskutiert wurden, kann ich nicht nachvollziehen. Dass Mehrkosten auf die Stromkunden umgelegt werden, ist ein Totschlagsargument. Es geht um Gewinnoptimierung der Konzerne", ärgert sich Olaf Theiß, Stadtverordneter in Angermünde."Meine größte Sorge ist der Umwelt- und der Naturschutz. Das sind Schutzgüter, die sich nicht verschlechtern dürfen. Das wäre eine Straftat", erklärt auch Andrea Baumann aus Melchow.
1500 kritische Einwendungen gingen beim Bergbauamt Cottbus als Genehmigungsbehörde ein. Kritisiert wird der massive Eingriff in das Landschaftsbild und den Vogelschutz, Beeinträchtigungen der Lebensqualität, Nachteile für den Tourismus und Gesundheitsgefahren.
Die BI hat vier Gutachten in Auftrag gegeben, die diese Befürchtungen bestätigen. "Uns ist klar, dass für die Energiewende die Netze entsprechend ausgebaut werden müssen", meint Anita Schwaier von "Zukunft Biosphäre - Zubila". Lindner kündigte zudem Klage durch alle Instanzen bis zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig an.
Bürgertelefon: 0800 58952472