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Bereits kurz nach zehn Uhr am nächsten Morgen sammeln sich die ersten Menschen vor dem Mahnmal auf Bernaus sonnigem Bahnhofsvorplatz. Ein paar junge Leute haben es sich auf dem Boden bequem gemacht. Andere stehen im Schatten der Steele mit den mahnenden Worten "Unrecht brachte Millionen den Tod" und halten Schilder bereit.
Erst gegen 11 Uhr betreten dann auch NPD-Stadtverordnete Aileen Rokohl und ihre Anhänger den Bahnhofsvorplatz. Etwas verloren wirken die 18 Gestalten, die sich Flaggen schwenkend um Aufsteller und Transparente scharren, auf denen sie vor Asylmissbrauch warnen.
Gegenüber, am Mahnmal, stehen mittlerweile bereits an die 70 Menschen jeden Alters. Sie haben Transparente und Schilder mitgebracht, die Flüchtlinge willkommen heißen oder dem Faschismus den Kampf erklären. Noch vor Beginn der Nazi-Demo ist der Gegenprotest bereits in vollem Gange. Benno Schwigon, der die Kundgebung angemeldet hat, geht daran, den Generator anzuwerfen, mit dem Mikrofon und Audio-Anlage betrieben werden. "Wir wollten der NPD nicht das Feld überlassen", bekräftigt der 27-Jährige. Über Facebook und diverse Netzwerke hat sich der Gegenprotest zusammengefunden. Die Evangelische Jugend, das Netzwerk für Weltoffenheit und Toleranz, die Linke und die SPD haben den Aufruf mit Erfolg weiter getragen. "Wir haben deutlich mehr Leute auf die Straße gebracht und können zeigen: Wir sind die gesellschaftliche Mitte." Eine Botschaft, die Schwigon und seine Mitstreiter dann auch über Mikrofon an die "Mahnwache" im Schatten des Bernauer Bahnhofs richten.
Die Rechten haben dem wenig entgegenzusetzen und beschränken sich aufs Ausharren. Nach Ablauf der angemeldeten einstündigen Demonstration räumen sie zügig den Bahnhofsvorplatz, während sich die mittlerweile knapp 100 Gegendemonstranten gemächlich zerstreuen.
Zu ihnen zählt auch Catrin Trottner, die über eine Freundin von der Demonstration erfuhr. "Ich finde eine Willkommenskultur wichtig. Die Bilder aus München vom Bahnhof haben mich wirklich berührt", sagt die Bernauerin. Ausschlaggebend, sich an diesem Protest gegen die Rechten zu beteiligen, sei für sie aber die Informationsveranstaltung zur Flüchtlingsunterbringung in Waldfrieden am vergangenen Dienstag gewesen. "Da hat sich für mich gezeigt, wie viele Leute doch unterschwellig rechte Vorurteile pflegen, und das, obwohl man in Bernau ja eigentlich wenig Ausländer sieht".
Auch für Gabriele Stobbe ist die Art und Weise der Flüchtlingsdebatte in Bernau ein Reizthema. Die 65-jährige ist zwar nicht wegen der Gegendemonstration zum Bahnhof gekommen, "aber ich würde mich auf die Seite der Flüchtlinge stellen", bekräftigt sie. "Ihre Leiden kann man sich aus unserer Sicht oft kaum vorstellen. Und von der NPD halte ich eh nichts", fügt sie noch hinzu.
Martin Günther von den Linken zeigt sich zufrieden mit dem breiten Engagement für die Gegendemonstration. Unterschätzen dürfe man das Nazi-Problem dennoch nicht, warnt er. "Wir haben hier leider eine etablierte Nazi-Kultur. Es gab in den letzten Jahren viele Zwischenfälle, aggressive Propaganda, Vandalismus", zählt Günther auf. "Es mag zwar ein geringer harter Kern sein, aber der ist aktiv", ist er sich sicher.
Geläut und Kerzen: Bernauer gedachten am Freitagabend derer, die auf der Flucht gestorben sind.Foto: Rudi Meitner
Sie wollten der NPD nicht das Feld überlassen: Demonstranten gegen rechte "Mahnwache" am Bahnhof Foto: Felix Schönfelder
Am Freitagabend gedenken Bernauer der Menschen, die auf der Flucht gestorben sind / Am Sonnabend stellen sie sich der NPD entgegen