Schon "Dancing Queen Masculin", der - oder die? - die Rolle der Solo-Vorband übernommen hatte, tänzelt, hüpft und hip-hopt geschmeidig-elegant über alle Grenzen der traditionellen Geschlechterrollen hinweg an seiner endlosen Mikrophonschnur entlang, wobei er im Rap-Stil lange Wortketten abspult. Manches davon versteht der Zuhörer vor dem Hintergrund einer kräftigen Sound-Konserve nicht, aber keiner verlangt hier gelehrte Diskurse.
Da reimt sich "Kant lesen" auf "Handbesen", da trägt ein Stück den Arbeitstitel "Hetero-Petting in Erkner", und ein weiteres vermeldet "keine Zusammenhänge, keine Komplikationen". Das trifft den Kern der Sache: Die Texte sind weitgehend freie Assoziationsflächen, auf denen der Zuhörer fröhlich herumschlittert, zumal er immer wieder zum Mitmachen animiert wird. Einer der Songs erfindet die deutsche Sprache neu, denn Worte werden konsequent abgeschafft und durch ein vom ganzen Saal gerufenes "Yeah" ersetzt, anderswo müssen alle "Prego, Prego" betteln und fühlen sich sowieso ständig durch die fordernden Rhythmen der Begleitmusik und den im Takt hin- und herschwänzelnden Rapper zum Mitswingen veranlasst. Vor allem der weibliche Teil des Publikums schließt "Dancing Queen Maskulin" lächelnd ins Herz und will ihn - oder sie? - gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Die "Komplizen der Spielregeln" schließen sich nahtlos an. Auch in deren Texten, von Tobias Ortmanns stimmgewaltig und mit theatralem Pathos vorgetragen, feiert Slam-Poetry fröhliche Urständ und wird vom Biesenthaler Publikum als aparte Delikatesse verkostet. Klangstark garniert mit Gitarren, E-Schlagzeug und einem jaulendem, schnarrenden Synthesizer, wuchtigen Rhythmen und dem wilden Geflimmer der Hintergrundprojektion - so ergibt sich ein schrilles Gesamtkunstwerk, das den Zuhörer unwiderstehlich in sich aufsaugt.
Frenetischer Applaus bringt sogar einen vorbeifahrenden Regionalexpress zum Verstummen und stachelt die drei "Komplizen" zu immer neuen Zugaben an, bis sie schließlich am Rande der Erschöpfung um ein Ende des Konzerts bitten. Verständlich, wenn auch schade, denn sonst hätte es noch eine schöne, lange - aber keineswegs stille oder gar heilige - Nacht werden können.