Unermüdlich zieht Josef Keil seine Runden über den Marktplatz. Er hat sich wieder seine Plakate umgehängt, auf denen er seine Sympathie für Bürgermeister Hubert Handke (CDU) erklärt und die Beitragserhebungen des WAV Panke/Finow als gerecht. In der vergangenen Woche waren die Reaktionen darauf noch heftig ausgefallen. Nun, nach anonymer Drohung, erklärtem Platzverbot durch den Sprecher der Bürgerinitiative, Andreas Neue, und Keils Ankündigung, trotzdem kommen zu wollen, scheint die Mehrheit der Demonstranten gelassener zu sein. "Provokationen werden ignoriert", hat Neue gleich zu Beginn der Kundgebung die Devise ausgegeben. Sie zeigt Wirkung. Ab und an wird Sozialdemokrat Keil angesprochen, manchmal fallen auch weniger schmeichelnde Worte. Aber angepöbelt oder gar bedroht wird er nicht.
"Irgendwie hat es doch etwas gebracht", findet Josef Keil. Und das meint er nicht nur im Hinblick auf die Dienstagsdemonstranten. Kamen bislang zu den Kundgebungen auf dem Marktplatz nur vereinzelt Verfechter der Beitragspolitik des WAV, so sind diesmal eine ganze Reihe Stadtverordnete aus SPD, CDU und Freier Fraktion zu sehen. SPD-Fraktionschef Jürgen Althaus geht sogar ans Rednerpult, obwohl er seinen ersten Auftritt auf dem Bernauer Marktplatz noch immer in unguter Erinnerung hat. War er damals im August noch gnadenlos beschimpft und ausgepfiffen worden, so ist das diesmal anders. Die Menschen hören ihm zu, als er "für Toleranz und gegenseitigen Respekt, auch gegenüber einer anderen Meinung", wirbt.
Inhaltlich aber bleiben die Demonstranten bei den Forderungen, die sie seit mehr als einem halben Jahr jeden Dienstag auf dem Marktplatz erheben. Sie wollen, dass alle Verbraucher gleichermaßen an den Kosten für öffentliche Trinkwasser- und Abwasseranlagen beteiligt werden. "Wir werden dafür kämpfen - ohne Pause", sagt Andreas Neue.
Thomas Kaiser, Sprecher der Landesinitiative "Wasser-Netz", spricht den Bernauern Mut zu. Dieser Konflikt schwelt in Brandenburg bereits seit 1993, erinnert er. Es gehe um die Einhaltung des Grundgesetzes, um Bürgerbeteiligung, um Demokratie. "Lasst Euch nicht von Eurem Weg abbringen!".
Für die Bürgerinitiative spricht Andre Köhn. Rund 5000 kleine und mittelständische Firmen in Brandenburg seien durch die Beitragserhebung der Verbände von Insolvenz bedroht, sagt er. Bei einer Umfrage hätten 104 Unternehmen erklärt, sie würden geplante Investitionen verschieben müssen. Eine sichere Kostenplanung für die Betrieb sei so unmöglich, erklärt Köhn und prophezeit: Das werde zu Firmenabwanderungen führen. Ganz zu schweigen davon, dass auch der Immobilienmarkt geschwächt würde, mit der Konsequenz von Mietsteigerungen - bei gleichem Standard. "Wir können nur allen raten, gegen die Beitragsbescheide juristisch vorzugehen."
"Irgendwie hat es doch etwas gebracht": SPD-Fraktionschef Jürgen Althaus wirbt für Toleranz und gegenseitigen Respekt. Im Gegensatz zu seinem ersten Auftritt im vergangenen August hören ihm die Dienstagsdemonstranten diesmal zu.Fotos (2): Wolfgang Rakitin
Hunderte Anhänger der Bürgerinitiative halten etwa 50 Befürworter der Beitragspolitik des Verbandes aus