Begonnen hatte die zehnte Tour de Tour de Tolérance in aller Frühe auf dem Eberswalder Marktplatz. 500 Fahrradfahrer waren dort zusammengekommen, um mit der Demonstrationsfahrt für ein friedliches Miteinander zu beginnen, die sie über acht Zwischenstopps bis nach Bernau führen sollte.
„Nicht einmal 100 Kilometer auf dem Fahrrad sind für mich doch ein Klacks“, sagte Charlotte Henze aus Rehfelde, am Löwenbrunnen ungeduldig auf den Startschuss wartend. Für die 82-Jährige war es das sechste Mal, dass sie mit Gleichgesinnten gemeinsam Stärke zeigte. Die älteste Teilnehmerin hob besonders die perfekte Organisation und das Wir-Gefühl auf der Tour hervor. Sportliche Herausforderungen würden für sie aber anders aussehen, sagte die Rehfelderin, die auch sonst jede halbwegs zumutbare Strecke mit dem Rad bewältigt.
Hingegen hatte Maggie Schelk aus Finowfurt vor der Aufgabe, einen ganzen Tag durchzuhalten, durchaus ein wenig Respekt. „Zum Glück fahre ich auf dem Vordersitz von Papas Fahrrad mit“, sagte die Fünfjährige als jüngste Teilnehmerin.
Vor zehn Jahren war die erste „Tour de Tolérance“ ebenfalls in Eberswalde gestartet worden. Das Organisationstrio, bestehend aus der früheren Bundestagsabgeordneten Petra Bierwirth, ihrer einstigen Mitarbeiterin Heidlinde Benzinger und Günther Grützner, hält bis heute die Fäden der Vorbereitung in den Händen. „Ich bin begeistert darüber, dass unsere Idee zu einem Selbstläufer geworden ist: Radfahrer jeden Alters und unterschiedlicher Herkunft treten gemeinsam in die Pedale und setzen damit ein unübersehbares Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz“, betonte Heidlinde Benzinger, deren Engagement ungebrochen ist.
Sie hatte als Betriebsratvorsitzende in der Chemischen Fabrik in Finow gearbeitet, als vor den Werktoren der angolanische Gastarbeiter Amadeu Antonio Kiowa von vermummten Neonazis brutal niedergeschlagen wurde. Das Opfer der rassistischen Gewalttat vom 24. November 1990 starb elf Tage später, ohne aus dem Koma zu erwachen. „Dieser feige Mord hat die gesamte Stadt furchtbar in Misskredit gebracht“, blickt Heidlinde Benzinger zurück. Mit der ersten Tour de Tolérance hätten die Organisatoren zeigen wollen, dass die überwiegende Mehrheit der Eberswalder demokratisch gesinnt sei und sich von der rechten Szene entschieden distanziere.
„Heute ist es wichtiger denn je, gegen die schleichende Ausbreitung von Extremismus, Rassismus und Antisemitismus Flagge zu zeigen“, sagte Petra Bierwirth, die allen zur Teilnahme bereiten Radlern daher herzlich dankte.
„Ich freue mich, dass Eberswalde in diesem Jahr wieder Ausrichter der Tour ist“, rief Bürgermeister Friedhelm Boginski aus, bevor er vor lauter Begeisterung gleich zwei Mal Startschüsse gen Himmel schickte. Die Stadt habe sich toll entwickelt und habe dem braunen Mob Einhalt geboten, nachdem er Anfang der neunziger Jahre Präsenz gezeigt habe. „An dem Stimmungswandel haben viele mitgewirkt – auch die Tour-Organisatoren“, sagte er.
Prominentester Vertreter im Pulk war Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht, der extra aus Glindow bei Potsdam nach Eberswalde geeilt war, um Grüße von Ministerpräsident Matthias Platzeck, dem Schirmherr der Tour, auszurichten. „Ähnliche Aktionen wie die heutige gibt es überall im Land und überall sind sie wichtig“, betonte der Minister, der sich die Zeit nahm, auf einem Leihfahrrad die erste Etappe bis Bad Freienwalde mitzuradeln.
Die Fahrt für ein friedliches Miteinander führte dann von Eberswalde über Bad Freienwalde, Wriezen, Strausberg, Werneuchen, Ahrensfelde und Panketal bis nach Bernau. Für manchen war das Tempo im ersten Abschnitt etwa schleppend – daher dann auch die Verspätung am Abend von anderthalb Stunden – doch auf dem Bernauer Marktplatz eingetroffen, dachten die ersten bereits an die nächste Tour. Jan Malek (13) konnte von einer Reifenpanne berichten. Ein Stück musste er mit dem Begleitbus zurücklegen, in Wriezen hatte der Vater aber den Platten behoben und er konnte bis Bernau durchfahren. Hier kam auch die 21-köpfige Gruppe von der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Schule an, die die Gruppenermäßigung ihres Startgeldes für Flutopfer in Pakistan spendete.
Überhaupt waren viele jüngere Fahrer mit dabei – und zwar auf der ganzen Strecke. Zu ihnen gehörten Nele und Luise (acht und neun Jahre alt), die mit ihren Eltern André und Hendrikje Jüttner auf die Strecke gegangen sind. Und der Sohn von Markus Nicolaus war es auch, der seinen Vater nicht lange überreden musste, an der Fahrt gegen Fremdenfeindlichkeit teilzunehmen. Beide waren in Frankfurt (Oder) um 
5.50 Uhr in den Zug gestiegen, um bei der Tour von Eberswalde nach Bernau mit dabei zu sein.