"Kein Mensch ist illegal" oder "Flucht ist kein Verbrechen" ist auf dem Rücken der Pferde oder auf einer Pferdedecke zu lesen. Am Sonnabend wurde der Friedensritt 2012 in Bernau gestartet. Das Ziel: der Großflughafen BER in Schönefeld.
Am Sonnabend versammelten sich die Friedensreiter 2012 am Bernauer Deserteur-Denkmal an der Mühlenstraße. Zwölf Pferde mit ihren Reiterinnen und Reitern und etwa doppelt so viele Sympathisanten, Gäste und Passanten, die meist wohlwollend erkundeten, um was es geht. Der Friedensritt führt in diesem Jahr von Bernau nach Schönefeld. Das Ziel wurde bewusst ausgewählt. Es geht um das sogenannten Flughafenverfahren, ein beschleunigtes Asylverfahren, dass noch am Flughafen durchgeführt werden soll und in den Augen der Friedensreiter menschlich wie rechtlich unvertretbar ist.
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Seit 1984 machen sich die Friedensreiter einmal im Jahr auf einen sieben- bis 14-tägigen Wanderritt. Die Themen wechseln von Jahr zu Jahr. Die Initiative entstand in Stukenbrock in Westfalen. Die Idee zu den Friedensritten entwickelte sich, als dort am Antikriegstag an der Gedenkveranstaltung an der internationalen Kriegsgräberstätte auch Reiter teilnahmen. "Seitdem hat sich das Themenspektrum für die einzelnen Friedensritte erweitert", sagt Ute Rademacher. Der Frieden unter den Menschen spiele bei den Wanderritten in ganz Deutschland nach wie vor ein große Rolle. Seit 1990 seien aber auch Friedensritte zu Themen des Natur- und Tierschutzes hinzugekommen. "Uns geht es nicht nur ums Vaterland, sondern um Mutter Erde", hielt sie pointiert fest. So kamen Friedensritte gegen die Nutzung der Kernenergie oder gegen die Massentierhaltung hinzu.
"Vor einigen Jahren sind wir das erste mal in Bernau gestartet", berichtet Angela Kemper. Das Deserteur-Denkmal, an dem sie sich auch diesmal zu einer Kundgebung versammelten, war damals der Anlass. Auf Betreiben einer Initiativgruppe und mit Beschluss der Stadtverordentenversammlung war das Denkmal in Bernau aufgestellt worden. Auch andere Städte in Brandenburg errichteten Denkmale im Gedenken an Deserteure und Verweigerer und so führte der Friedensritt damals von Bernauer zum Potsdamer Deserteur-Denkmal.
Im Laufe der Jahre wechselten die Teilnehmer der Friedensritte. Es kamen neue Gesichter hinzu und nicht jeder kann jedes Jahr dabei sein. Inzwischen sind von jung bis alt alle Alters- und Berufsgruppen vertreten. Eines aber ist gleichgeblieben, betont Ute Rademacher. Die Friedensreiter engagieren sich über Parteigrenzen hinweg.
Auch Bernaus Bürgermeister Hubert Handke war zum Deserteur-Denkmal gekommen. Ihn erinnert der Friedenritt an die früheren Friedensfahrten. Und er verweist darauf, dass "Pferde selbst noch im Zweiten Weltkrieg zum Kriegsdienst eingesetzt wurden. "Um wie viel besser ist es, für den Frieden zu reiten", so Handke. Der Platz an der Mühlenstraße mit Deserteur-Denkmal, Kriegerdenkmal und dem Mahnmal für die Gefallenen der Roten Armee eigne sich besonders dafür.
In diesem Jahr setzen sich die Friedensreiter für ein Thema ein, dass im Zeichen des "Friedens unter den Menschen" steht, für das Asylrecht. Ihre Forderung lautet: Fluchtwege müssen freigehalten werden. Doch gerade dies werde mit dem vorgesehenen Asyl-Schnellverfahrens am Flughafen "Willy Brandt" in Schönefeld verhindert. Dabei handele es sich um ein Asylverfahren, das noch im Transitbereich des Flughafens durchgeführt wird. Über einen Antrag von Asylsuchenden, die künftig in Schönefeld ohne gültige Papiere ankommen, soll innerhalb von zwei Tagen entschieden werden. Während dieser Zeit werden die Asylsuchenden in einem bereits errichteten Abschiebegewahrsam, vom Flüchtlingsrat Brandenburg als "Internierungseinrichtung" bezeichnet, festgehalten. Sie könnten kaum Kontakt zu Unterstützern oder zu einem Anwalt aufnehmen und hätten nicht die Zeit, Unterlagen zu beschaffen. Das Verfahren komme einer Inhaftierung gleich und widerspreche dem EU-Recht, wonach niemand wegen eines Asylgesuchs in Gewahrsam genommen werden dürfe, so Angela Kemper. Da viele Flüchtlinge und Asylsuchende, die Krieg und Folter entkommen wollen, zudem oft verzweifelt und geschwächt in Deutschland einträfen, hätten sie kaum eine Chance auf Anerkennung.
Die Friedensreiter schlossen sich der an Ministerpräsident Matthias Platzeck gerichteten Resolution des Flüchtlingsrats Brandenburg mit Sitz in Potsdam an, am Flughafen "Willy Brandt" das fragwürdige Asyl-Schnellverfahren nicht durchzuführen und keine "Internierungseinrichtung" zu betreiben. Darüber hinaus müsse das "Flughafenverfahren" bundesweit abgeschafft werden.
Die Friedensreiter 2012 werden am kommenden Sonnabend um 12 Uhr in Schönefeld zu einer Kundgebung eintreffen. Gestern setzten sie ihren Ritt von Bernau nach Hirschfelde fort.
Flucht ist kein Verbrechen: In diesem Jahr setzen sich die Friedensreiter für die Bewahrung des Asylrecht in Deutschland ein. Bereits seit 1984 sind sie einmal jährlich in Deutschland unterwegs, um für ein politisches Ziel zu werben. Fotos: MOZ/Sergej Scheibe
Mit Spaß dabei: Kinder nutzen die Chance, die Welt von oben, vom Rücken eines Pferdes, zu betrachten.
Reiter protestieren gegen Asyl-Schnellverfahren am Flughafen "Willy Brandt" / Ziel ist Schönefeld