Die Männer und Frauen um Stefan Stahlbau und Thomas Dyhr hatten sich diesmal Vincenz Leuschner von der Freien Universität Berlin eingeladen. Der Soziologe beschäftigte sich im Rahmen eines Forschungsprogramms mehr als drei Jahre intensiv mit dem Thema Amoklauf-Prävention.
Leuschner räumte vor den nur wenigen Gästen zunächst mit einem Mythos auf. Das, was sich in den vergangenen Jahren an Schulen ereignet habe, seien eigentlich keine Amokläufe. Der Begriff bedeute vielmehr "in blinder Wut angreifend", beinhalte also ein spontane Gefühlswallung. "Einen solchen Fall hatten wir etwa bei der Eröffnung des Hauptbahnhofes in Berlin, als ein Jugendlicher wild auf Passanten einstach", sagte Leuschner. Die Gewalttaten an Schulen, sei es in Erfurt, Winnenden oder Coburg seien dagegen gezielte Taten gewesen, die lange vorbereitet wurden. "Wir haben es dabei mit symbolischen Angriffen auf Schulen als Institution zu tun", so der Soziologe. Es sei daher besser, von "schwerer zielgerichteter Gewalt" oder auch dem "School Shooting", einer Schießerei, zu sprechen.
Nach Angaben von Leuschner hat es seit 1999 in Deutschland zwölf entsprechende Taten gegeben. Weltweit sind es mehr als 100 Vorfälle. Seit Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts würden sie sich zudem epidemisch verbreiten. "Dies könnte auch mit den zunehmenden Internetaktivitäten zu tun haben", so der Wissenschaftler.
Leuschner gab zu, dass die Gewaltabläufe noch zu wenig erforscht sind. Immer habe es aber vorher Hinweise gegeben. Fast alle Täter seien zudem verkleidet gewesen, wollten sich in eine andere Person verwandeln. Auffallend sei ferner, so der Soziologe weiter, dass sich die Taten in Deutschland hauptsächlich gegen Lehrer richteten. In den Vereinigten Staaten seien dagegen vor allem Schüler betroffen.
Schauplätze sind vorrangig weiterführende Schulen, Hauptschulen sind überhaupt nicht Tatort. Diejenigen, die Gewalt ausüben, haben einen Mittelschicht-Hintergrund, sind behütet aufgewachsen und leben in Kleinstädten oder ländlichen Regionen.
Leuschner warnte ausdrücklich davor, das Thema zu dramatisieren. "Eine Schule kann alle 46 000 Jahren zum Tatort eines School Shootings werden", so der Wissenschaftler. Das Risiko sei also verschwindend gering und vernachlässigbar. "Häufiger sind dagegen Androhungen", sagte Leuschner.
Nach einer unveröffentlichten Untersuchung der Universität Köln liegt die Zahl bei rund 400 pro Jahr. Im Land Brandenburg habe es 2009 - neuere Angaben liegen noch nicht vor - 57 Drohungen gegeben. "Sie werden neuerdings auch als eine Mobbing-Taktik genutzt", erklärte Leuschner.
Der Wissenschaftler plädierte dafür, mehr auf "menschliche Prävention" zu setzen. Es sei zwar auch richtig, Technik wie Sicherheitsschlösser und Alarmsignale zu nutzen. "Wir brauchen aber vor allem Lehrer, die sensibilisiert sind und entsprechende Hinweise auf Gewalttaten erkennen können", sagte Leuschner. In diesem Zusammenhang kritisierte der Wissenschaftler die geringe Schulpsychologen-Dichte in Brandenburg. An Oberstufenzentren gebe es diese Fachleute überhaupt nicht.
"Für die Technik muss eben nur einmal bezahlt werden, die Psychologen kosten mehr", kommentierte das abschließend der Bündnisgrüne Thomas Dyhr.