"Ich liebe es, wenn nach einer langen Nachtfahrt die Sonne zum Vorschein kommt und man in den beginnenden Tag hineinfahren kann", beschreibt der Bernauer Frank Sommer die Faszination einer Langstreckenfahrt. Der 50-Jährige und seine Mitstreiter Edgar Schulz, Thomas Gablenz, Karl Heinz Drobeck, Hagen Obstück, Frank Timmermann aus Bernau sowie Gerhard Wolf und Sven Riedel sind am Donnerstag um 9 Uhr vom Bernauer Mühlentor in Richtung Wartburg aufgebrochen. Zu ihrem Bedauern musste Dieter Riedel krankheitsbedingt zu Hause bleiben. Um diese Zeit starten in Deutschland insgesamt 54 Teams und nehmen aus verschiedenen Himmelsrichtungen Kurs auf die Wartburg. Sie gehören der losen Vereinigung Audax Randonneure Allemagne - Verwegene Radwanderer Deutschland - an und haben sich Langstreckenfahrten zwischen 200 und 1200 Kilometern verschrieben.
Die beiden Bernauer Teams nehmen bereits zum vierten Mal an der Sternfahrt Flèche Allemagne teil - erstmals unter dem Namen "Bernauer Leisetreter". Ihre eigens gefertigten Trikots sind in den Bernauer Stadtfarben Rot, Weiß und Grün gehalten. Sie zeigen außerdem das Logo des wieder aufgebauten Mühlentores, dass der Mühlentor-Verein gern zur Verfügung gestellt hat.
Die Strecke nach Eisenach haben die Fahrer selbst festgelegt. Ausgesucht wurden vor allem Wege abseits großer Straßen. Die beiden Teams fahren unterschiedliche Routen. Unterwegs müssen sie mehrere Kontrollstellen absolvieren. Eine davon ist für die Bernauer das "Adlon" am Brandenburger Tor. Mit Unterschrift und Stempel wird das Hotel ihre Vorbeifahrt bestätigen. Weiter geht es über Potsdam, Sangerhausen und Gotha nach Eisenach. Mittelgebirgsstrecken sind also reichlich inbegriffen, ganz zu schweigen von dem letzten Anstieg zur Wartburg. Insgesamt sind 2500 Höhenmeter zurückzulegen.
Geht alles gut, treffen die acht Fahrer nach genau 376 Kilometern heute, am Freitag, zwischen 8 und 9 Uhr auf der Wartburg ein. Schlaf wird in dieser Zeit ausgeblendet. "Wir werden vielleicht mal eine Pause von zwei Stunden einlegen, zum Essen und Ausruhen", sagt Frank Sommer vor dem Start. Besser seien kurze Stopps nach etwa 30 Kilometern: "Sonst besteht die Gefahr, dass die Muskulatur etwas säuerlich reagiert." Wie viele Pausen eingelegt werden, hängt vom Wetter ab. Der Körper soll durchgängig warm bleiben.
Sich auf das Notwendige zu beschränken, gehört zur Philosophie der Langstreckenfahrer dazu. "Wir machen alles selbst, nichts ist ausgeschildert und es gibt keine Begleitfahrzeuge", sagen sie. Ihre Rennräder haben sie umgebaut und mit Narbendynamos ausgestattet. Auf Akkus wollen sie sich nicht verlassen. "Nachts braucht man ordentliches Licht." Werkzeug und Ersatzschläuche gehören zur Ausrüstung und eine Regenjacke darf nicht fehlen. Viel mehr wird aber nicht benötigt.
Der Flèche Allemagne ist die einzige Prüfung, die im Team gefahren wird. Sonst sind die Randonneure, die Langstreckenfahrer, allein unterwegs. Frank Sommer kennt das Gefühl, bei Wind und Wetter nur auf sich gestellt zu sein, um Hunderte von Kilometern zurückzulegen.Zum Beispiel auf der 1250 Kilometer langen inoffiziellen olympischen Strecke Paris-Brest-Paris, die innerhalb von 90 Stunden absolviert werden muss. Alle vier Jahre wird dieser Wettbewerb ausgetragen. 2007 und 2011 haben bereits einige Bernauer Leisetreter daran teilgenommen. 2015 ist nicht mehr weit.