Gabriele Gesche ist entsetzt. Und mit wem die Inhaberin von Lederwaren Radtke auch gesprochen hat, ihr komplettes Unverständnis mit dem Beschluss vom vergangenen Donnerstag wird auch von anderen geteilt. "Bernau liegt kurz vor Berlin. Überall gibt es verkaufsoffene Sonntag. Wir sind aber eine echte Mittelalterstadt", macht sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube und fügt hinzu: "Wie sollen wir unseren Kunden denn erklären, dass wir am Adventssonntag zum Weihnachtsmarkt geschlossen haben? Sollen wir einen Zettel in die Tür hängen und uns entschuldigen?"
Mit nur einer Stimme Mehrheit hatten sich die Stadtverordneten dagegen ausgesprochen, 2015 so wie auch in den Vorjahren an sechs Sonntagen mit besonderen Anlässen wie zum Beispiel dem Hussitenfest, dem Weihnachtsmarkt, dem Kunst- und Handwerkermarkt oder dem Fest der Straßenmusikanten die Geschäfte öffnen zu können. Die sechs Sonntage werden alljährlich in einer gemeinsamen Runde mit Vertretern der Stadtverwaltung, des Handelsverbandes, des Bernauer Einzelhandels und des Vereins Stadtmitte abgestimmt, um sie dann der Stadtverordnetenversammlung vorzulegen.
Dieter Krause, Vorsitzender des Vereins Bernau-Stadtmitte, trifft besonders der Vorwurf, einzelne Veranstaltungen dienten nur als Vorwand, um die Geschäfte auch am Sonntag öffnen zu dürfen. "Ich habe den Eindruck, viele Stadtverordnete wissen gar nicht, was in der Stadt los ist. Man sieht sie nur sehr selten", sagt er. Wer in Schönow wohne und in Berlin arbeite, der komme eben nicht so oft in die Innenstadt.
Die Kritiker der verkaufsoffenen Sonntage hatten insbesondere den Schutz von Arbeitnehmern für ihre Entscheidung angeführt. Eltern, die im Einzelhandel beschäftigt seien, müsse mehr Zeit für die Familie eröffnet werden. Außerdem sollte am Sonntag Zeit für Besinnung geschaffen werden.
"Es wird bei uns kein Mitarbeiter gezwungen, an einem verkaufsoffenen Sonntag zu arbeiten", verwahrt sich Gabriele Gesche gegen die Kritik. Fast überall seien es die Inhaber der Geschäfte in der Innenstadt, die am Sonntag im Laden stehen. Und so wie Busfahrer und Krankenschwestern wissen, dass sie auch sonntags arbeiten müssen, so sei dies auch im Einzelhandel nicht unbekannt.
Dieter Krause jedenfalls hat ganz andere Reaktionen von Beschäftigten erfahren. Diese wüssten um die zusätzlichen Einnahmen am verkaufsoffenen Sonntag, sagt er, und sorgten sich um ihren Arbeitsplatz, wenn die Kunden auf einmal wegblieben. Aus seiner Auffassung, dass die Attraktivität der gesamten Stadt unter dem Fortfall des verkaufsoffenen Sonntag leidet, macht er keinen Hehl. Große Einkaufszentren wie die Bahnhofspassage könnten sich mit einem Antrag ihren verkaufsoffenen Sonntag sichern. Es sei aber abwegig, dass jeder kleine Händler seinen offenen Sonntag organisiert.
Viele Touristen, vor allem Berliner, kämen sonntags nach Bernau, sagt Gabriele Gesche. "Und viele kämen dann immer wieder, auch unter der Woche, weil sie die Stadt sehr reizvoll finden." Mit dem Wegfall der verkaufsoffenen Sonntage verschwinde aber dieser Zustrom in die Stadt.
Die Stadtmitte-Verein und die Händler haben die IHK Ostbrandenburg eingeschaltet und um Hilfe gebeten. "Das Thema muss unbedingt noch einmal in die Stadtverordnetenversammlung", fordert Dieter Krause. "Und zwar schnell. Die Geschäfte müssen schließlich planen."