Sie seien ja gar nicht zum Spaß da, witzelt Matthias Wagner von "Tango Transit" am Freitagabend. Vor zwei Jahren hätten sie schon einmal hier gespielt. Nun wollten sie schauen, wie sich der Biesenthaler Kulturbahnhof weiterentwickelt habe, und sie seien sehr zufrieden!
Das kann man nachvollziehen, denn der Verein "Kultur im Bahnhof" leistet seit Jahren Vorbildliches in Sachen Kultur, Erziehung und Bildung, Umweltschutz  und Völkerverständigung. Das heutige Konzert mit "Tango Transit" steht in einer langen Reihe verschiedenster Veranstaltungen, mit denen sich der Verein für das kulturelle Leben in Biesenthal engagiert.
Auch für das Bahnhofsgebäude selbst wird viel getan. Das wurde, wie Helge Schwarz vom Vereinsvorstand erläutert, vor elf Jahren von einigen Biesenthalern gekauft und schrittweise zum Kulturzentrum entwickelt. Weit über 100 Mitglieder und ehrenamtliche Unterstützer tragen inzwischen dieses Projekt der Bürgergesellschaft.
Dass die drei Musiker von "Tango Transit" jede Menge Spaß an der Musik haben, wird schon bei den ersten Takten klar, und dieser Spaß überträgt sich mühelos auf das Publikum. Matthias Wagner am Akkordeon, Hanns Höhn am Kontrabass und Andreas Neubauer am Schlagzeug breiten eine furiose Mischung verschiedenster Klangfarben und Rhythmen aus, die die Zuhörer von Anfang an zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Der namengebende Tango ist dabei nur ein Element unter vielen anderen, denn die Band spielt - gleichsam im Transit - fast die gesamte Klaviatur der Weltmusik hinauf und hinunter und tut das so stilsicher und technisch so trittfest, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Elemente der Cajun-Musik Louisianas mischen sich mit der Wildheit des Balkans, französische Musette trifft auf orientalische Klänge, Mendelssohn-Bartholdy und Schifferklavier, hinzu kommen bisweilen sogar elektronische Verzerrer beim Akkordeon. Immer wieder blitzt den Musikern der Schalk aus den Augen und sie nehmen sich selbst oder ihr Spiel ein wenig auf die Schippe. Die orientalischen Klänge bei "Nights in Egypt" nölen so schaurig-schön daher, dass die Akteure genauso grinsen müssen wie das Publikum. Bei dem Stück "Schlaf" spielen sie sich durch immer langsamere und leisere Töne selbst in den Schlummer und rutschen beinahe von den Stühlen, bis das Schlagzeug alle wieder weckt und in das nächste Stück hineinführt.
Das Akkordeon ist die klangliche Säule des Ganzen. Matthias Wagner spielt es mit einer schier unglaublichen Fingerfertigkeit und entlockt dem wuchtigen Instrument ein ungeahntes Klangspektrum, dem er immer neue Nuancen hinzu mischt. Bass und Schlagzeug liefern die pralle Klangdecke, auf der das Akkordeon seine Kapriolen und Purzelbäume schlägt.
Hanns Höhn bearbeitet den Kontrabass von den tiefsten bis zu den allerhöchsten Lagen so meisterhaft, dass der Bass mühelos aus dem Schattendasein heraustritt, zu dem er in vielen Combos verurteilt ist. Hier wird er immer wieder zum Fels in der Brandung der Töne und zeigt ein sehr klar definiertes, ganz eigenständiges Profil. Die Soli, die Hanns Höhn einlegt, spielen einen schwindelig. Note folgt auf Note in einem solchen Tempo, dass man oft Mühe hat, die einzelnen Finger voneinander zu unterscheiden.
Bei Schlagzeuger Andreas Neubauer fragt man sich immer wieder, wie viele Arme und Beine er eigentlich hat und woher er die Fähigkeit nimmt, sie alle so glasklar zu koordinieren. Seine Klangfülle ist genauso erstaunlich wie die seiner Bandkollegen. Ab und zu spielt er nur mit den Fingerspitzen oder bezieht den Ständer des Lautsprechers in seine Rhythmen ein. Mal führt und treibt er die anderen, mal untermalt er sie in feiner Zurückhaltung. Er dosiert Duktus und Lautstärke immer so, dass sie sich der Gesamtheit des Ensembles einfügen. Hier ist kein "Klopper", sondern ein sensibler Stilist am Werk.
Das vielschichtig dialogische Zusammenspiel der drei Musiker klappt so traumwandlerisch sicher, dass man den Eindruck bekommt, jedes Stück sei bis ins kleinste Detail ausgefeilt und einstudiert. Weit gefehlt, sagt Martin Wagner, und seine Bandkollegen stimmen zu: Improvisation sei ein ganz wesentliches Element ihres Zusammenwirkens, das so gut klappt, weil die Band schon seit 2008 zusammen musiziert und hervorragend aufeinander eingestimmt ist. Man hört es, man sieht es: Immer wieder musizieren sich die drei Herren selbst in eine Art Trance, in einen hochkomplexen, aber wunderbar angenehmen Schwebezustand, der den Zuhörer einhüllt und mitnimmt. Doch auf diesem fliegenden Musikteppich sitzt niemand still, jeder folgt und wippt mit dem Fuß, den Beinen oder dem ganzen Körper, und beim Applaus zeigt der Saal vollen Einsatz. Da kann keiner mehr sagen, Musikhören sei ein passiver Vorgang.