Marcel spielt einen Hirten. Gemeinsam mit den anderen Darstellern des Krippenspiels singt er am Ende jubilierend: "Welch ein froher Tag ist heute, endlich ist der Heiland da! Kommt herbei, ihr lieben Leute, niemals war uns Gott so nah! Gloria in excelsis Deo..."
Für den 13-jährigen Panketaler ist dieses Weihnachten in gewisser Art eine Zäsur. Zum letzten Mal wird er am Heiligabend um 15 Uhr mit den anderen Kindern der St. Annen-Gemeinde die Weihnachtsgeschichte spielen und mit dem Kinderchor auftreten. Marcel Gabsch will den Chor verlassen. Die Vermutung liegt nahe, dass ein Junge in seinem Alter andere Hobbys als das Singen für sich entdeckt hat. Doch es ist nur das Kinderensemble, von dem er sich verabschiedet. "Ich bin mit Abstand der Älteste", erklärt Marcel. Wenn etwas Zeit verstrichen sei, werde er im Chor der Erwachsenen mitmachen, sagt er.
Karin Zapf, die seit 28 Jahren in der St. Annen-Gemeinde Musik und Gesang lebt,  der Kantorei vorsteht und auch den Kinderchor aus der Taufe hob, kann sich noch ganz genau daran erinnern, als Marcel vor acht Jahren als Erstklässler zum Kinderchor stieß. "Das Schönste ist, dass bei uns alle Singen lernen, wie Marcel auch", freut sich die Kantorin.
Sie und Gemeindepädagogin Mareike Peters haben sich eine der vielen existierenden Krippenspiel-Versionen ausgesucht und bearbeitet. Die Proben mit den Kindern der Kirchengemeinde begannen im Frühherbst. Heraus gekommen ist eine vergleichsweise moderne Fassung der Weihnachtsgeschichte, die von der Geburt Jesu handelt.
Sie beginnt damit, dass sich Josef, dargestellt von Mara Wotschke (14), und seine hochschwangere Frau Maria (Philine Schulz, 10 Jahre) mit ihrem voll bepackten Esel auf die beschwerliche Reise nach Bethlehem in Judäa machen. Der römische Kaiser Augustus hatte jedem befohlen, in die Stadt zurückzugehen, aus der seine Familie ursprünglich stammte. Er wollte, dass seine Soldaten die Menschen in den Stämmen Israels zählten. Josefs Familie stammte aus Bethlehem; also mussten sie dorthin gehen.
Schöne Lieder, helle Stimmen
"Josef, warte mal! Ich brauch’ ne Pause", sagt Maria im Krippenspiel von St. Annen. "Iah – ich auch!" schreit der Esel (Elise Pietsch, 12 Jahre). "Seit Tagen schlepp’ ich euer Zeug durch die Gegend. Das steht nicht in meiner Stellenbeschreibung..." Und dann beklagt das Tier Überstunden, fehlende Schicht- und Feiertagszuschläge.
Erschöpft kommen Maria und Josef in Bethlehem an. Die Stadt ist voller Menschen, alle Herbergen sind belegt. Nur der legendäre Stall bleibt dem Paar. In ihm bringt Maria ihr Kind zur Welt. "Es soll Jesus heißen", flüsterte sie.
Zur gleichen Zeit verkünden Engel den Schafhirten draußen vor der Stadt: "Euch ist heute der Heiland geboren. Ihr werdet ihn in einer Krippe finden!" Die Hirten machen sich auf den Weg. Und Herodes, der römische Klientelkönig in Judäa, dargestellt von Paul Pietsch (12), der ob der Geburt "eines neuen Königs" um seine Macht fürchtet, beschließt: "Da hilft nur eine radikale Maßnahme. Damit ich den erwische, müssen alle kleinen Jungen sterben!"
Die Liedauswahl, die Kantorin Karin Zapf zum Krippenspiel traf, unterstreicht den Inhalt der Weihnachtsgeschichte aufs Trefflichste und hebt die Stimmen der Chorkinder in besonderer Weise hervor.