Beim Publikum kommt ein solches Angebot an: Bernd Wiedemann und seine Frau haben bislang jedes der inzwischen 26 Festivals besucht. "Als das erste stattfand, haben wir noch in Berlin gewohnt", berichtet er. Damals habe er in Bernau gearbeitet, in einem Unternehmen, das zu den ´Festival-Sponsoren gehörte. "Jedes Jahr wird etwas anderes geboten, und zwar in ausgesprochen hoher Qualität", schwärmt er. Besonders gefällt ihm, das Barnimer Musikschüler in einem Konzert mit Musikern der lautten compagney zusammen auftreten. Auch wenn das Ehepaar viele Veranstaltungen in Berlin besucht, hat das Festival den Vorteil, dass es "vor Ort und vor der Tür" stattfindet. Und außerdem: "die Kirche hat eine herrliche Akustik".
"Mit dem Besuch bin ich sehr zufrieden, zumal der Termin vorgezogen wurde", sagt Christian Schommatz, Vorstandsmitglied des Fördervereins der St. Marienkirche, der das Festival veranstaltet. "Das zeigt, dass wir auf ein Stammpublikum bauen dürfen, das auch mit ungewöhnlichen Terminen zurecht kommt." Nicht zuletzt sei das Festival mit der Vorverlegung "ein Opener für das Kirchenjubiläum geworden". Pfarrerin Constanze Werstat unterstreicht dies: Die Marienkirche sei ein "wunderbarer Ort für die Musik".
Generalprobe entschied
Sigrig und Volker Höppel kommen aus Berlin. Sie haben die Generalprobe des Alraune-Ensembles gehört und festgestellt: "Das ist der Hammer, da gehen wir hin". Beide bezeichnen sich als Bernau-Fans, schwärmen von der Kirche den Wallanlagen, ihren Lieblingsrestaurants. Ingeborg Wunderlich, Sabine Lütgemeier und Sabine Fischer sind ebenfalls aus Berlin angereist. Sie bringen zum Teil jahrelange Erfahrungen aus dem musikreichen Ruhrgebiet mit, haben aber viel Positives über Bernau zu berichten. Die Mischung der Musik aus früheren Jahrhunderten mit neuen Akzenten und volksliedhaften Einflüssen hat sie neugierig auf das Alraune-Konzert gemacht. Und dass das Festival eines von jenen ist, die diese Musikereignisse nicht nur in Berlin, sondern auch im weiten Umland anbieten. Als Bahnfahrerinnen vermissen sie am Bernauer Bahnhof lediglich eine gut wahrnehmbare Ausschilderung zur Marienkirche.
Annette Grahl-Römer, die zehn Jahre als Vorsitzende des Förderverein das Festival Alter Musik prägte, geht mit hohen Erwartungen in das Auftaktkonzert: Die musikalische Verbindung von Süditalien über Spanien bis Südamerika sei so noch nicht zu hören gewesen. Vor dem Hintergrund des Kolonialismus treffen die Kulturen aufeinander, die Menschen lernen sich kennen. Alraune stellt an diesem Abend unter Leitung des Neapolitaners Mario Sollazzo die (Ohn-)Macht der südspanischen Herrscher über Süditalien und -amerika dar. Die Komponisten der Lieder sind heute oft nicht mehr bekannt, verzaubern aber das Publikum durch die grandiosen Solisten und die mitreißende Ensembleleistung. Nicht ohne Witz wird dieser Abend gleichsam zu einem großen anrührenden Tanz mit barocken Zutaten, beispielsweise wenn Schlagzeuger Matteo Rabolini auf einem bezahnten Eselunterkieferknochen den Takt schlägt.