Im Buch wächst eine junge Frau namens Carla in Berlin-Moabit auf, dort wo in der Nähe ab 1961 die Berliner Mauer verläuft. Das Leben in den Straßenzügen wird als recht kleinstädtisch, fast provinziell beschrieben. Auf ihre Frage, warum sie sich konfirmieren lassen soll, erhält Carla von ihren Eltern die Antwort: "Weil man das so macht und was sollen denn die Leute denken." Obwohl Carla gut in der Schule ist, darf sie nicht aufs Gymnasium. "Du wirst eh heiraten und Kinder kriegen. Da ist es viel besser, du machst eine Ausbildung zur Beamtin", sagt der Vater und drängt sie in eine Laufbahn, die Carla zuwider ist. Der Bruder Jochen wird dagegen zum Besuch eines Gymnasiums gedrängt. Carla muss in ihrer Ausbildung viele Dokumente stempeln – "es ist, als ob ihr Hirn einschlafen ist". Sie eckt immer wieder an und quält sich mit zudringlichen Vorgesetzten herum. "Ist das die goldene Jugendzeit?", "Ist das die Freiheit?", – geht der Protagonistin durch den Kopf.
Flucht in die weite Welt
Als sie mit der Ausbildung fertig ist, lässt Carla alle Mahner zur Vernunft und das einengende Berlin der 70er-Jahre hinter sich. Frankfurt am Main mit seinem internationalen Flughafen – das muss die große weite Welt sein. Dass gelebte Freiheit auch ganz schön einsam machen kann, auch das erfährt Carla, die später in der Tourismusbranche berufliche Erfolge genießt. Die Männer an ihrer Seite kommen mit der unabhängigen Art und den beruflichen Erfolgen ihrer Partnerin nur mittelmäßig klar.
Überschnitten werden Carlas Erlebnisse mit zeitgeschichtlichen Ereignissen, die ja ein Mädchen – aufgewachsen zwischen Berliner Mauer und Jugendvollzugsanstalt Berlin Moabit, teils aus unmittelbarer Nähe mitbekommen hat. Manches, wie die großen Demonstrationen 1989 in Ostberlin, verfolgt sie von Frankfurt aus am Fernseher.
Und was verbindet die Geschichte der Carla mit der der leibhaftigen Jutta Lehmann? Vieles! Sie teilen die Zeichenleidenschaft.  Der Opa der Autorin war Schilder- und Schriftenmaler und arbeitete auch für die Berliner Schultheiss-Brauerei. Er brachte der kleinen Jutta bei, mit Ölfarben umzugehen. In der Oberschule hatte die Werneuchenerin dann einen Lehrer, der sich um ihre künstlerische Entwicklung bemühte. Wie ihre Figur im Buch wuchs Jutta Lehmann in Berlins Mitte auf. "Durch die Mauer gab es wenig Verkehr und wir konnten Federball auf der Straße spielen", erinnert sie sich. In den rebellischen Westberliner Jahren, Ende der 60er- und in den 70er-Jahren, war Jutta Lehmann wie Carla ab und zu auf der Straße. "Wir haben zum Beispiel für besseren Englischunterricht demonstriert", erzählt sie und findet Parallelen zur heutigen "Fridays for Future"-Bewegung. Ob sie damals auch Schule geschwänzt hat? Sie weiß es nicht mehr. Die Rechte von Frauen in Westdeutschland haben Jutta Lehmann wie Carla beschäftigt. "Bis ’77 durften Ehefrauen in der BRD nicht alleine Arbeitsverträge unterzeichnen, ich wollte deswegen nicht unbedingt heiraten", erzählt sie.  Auch hat die geborene Berlinerin wie ihre Protagonistin Jahre in Frankfurt und anderen westdeutschen Städten verbracht.
Zuhause in Brandenburg
Eine Sache betont die Autorin ausdrücklich: "Die Männer im Buch hat es übrigens nicht alle gegeben!" "Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen sind rein zufällig", heißt ein Standartsatz aus der anwaltlichen Instrumentenkiste, mit der sich Autoren oft absichern. Am Ende zieht Carla in eine Stadt bei Berlin. "Carla ist 30 Kilometer entfernt geboren und trotzdem gehört sie wieder nicht dazu", heißt es im Buch. Nach einigen Turbulenzen ihrer Anfangszeit in Brandenburg findet die Protagonistin ein echtes Zuhause und heiratet einen Mann, mit dem zusammen sie ihre Kreativität ausleben kann. Wenn das mal nicht autobiografisch ist...
"Die halbe Freiheit" von Jutta Lehmann, im Selbstverlag, 162 S., www.buecher.de, 3,99 Euro