Sören-Ole Gemski ist diplomierter Historiker. Er habe seit zwei Jahren "an dieser Sache gearbeitet", sagt der Linke-Stadtverordnete im Finanzausschuss. Es gehe nicht um eine juristische Rehabilitierung - "das können wir gar nicht" -, sondern um die moralische Rehabilitierung. "Es geht darum, deutlich zu machen, dass in dieser Stadt Unrecht geschehen ist und sich in all den Jahrhunderten niemand davon distanziert hat", sagt Gemski.
Dutzende Menschen sind in Bernau zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert der Hexerei bezichtigt worden. Die städtische Gerichtsbarkeit machte ihnen den Prozess, dann wurden die meisten auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die letzte Hexenverbrennung in Bernau soll 1772 stattgefunden haben.
Kaum hat Sören-Ole Gemski seine Ausführungen beendet, meldet sich Andreas Neue vom Bündnis für Bernau (BfB) zu Wort. "Was soll das? Haben wir keine anderen Sorgen?" fragt er, um so dann zu verkünden, dass er sich an der Abstimmung zum Antrag der Linken nicht beteiligen werde. Widerspruch kommt auch von Jürgen Althaus (SPD). Mit einer Rehabilitation würde er für eine Sache Verantwortung übernehmen, die Jahrhunderte her sei. "Das kann und will ich nicht", erklärt der Sozialdemokrat. Auch Randolph Hankel (CDU) findet das Anliegen der Linken "sehr weit hergeholt".
Doch Sören-Ole Gemski gibt nicht so schnell auf. Die Menschen seien damals diffamiert, verfolgt und getötet worden. "Diffamierung ist auch in unserer heutigen Zeit nicht ungewöhnlich", stellt er fest. Deshalb sei die Hexenverfolgung während der Renaissance "tatsächlich eine Sache, die sehr heutig und aktuell ist", glaubt der Historiker. Sein Fraktionskollege Harald Ueckert springt ihm zur Seite. Es sei dringend nötig, "das Geschichtsbewusstsein der Bernauer Bürger zu schärfen", findet der Schönower. Er zieht Parallelen zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft am Volkstrauertag in Ladeburg, an dem er teilgenommen hat. Die Menschen, die zu Unrecht als Hexen verbrannt wurden, seien auch Opfer von Gewaltherrschaft, argumentiert er.
"Der abstrakte Gedanke, mit der Rehabilitation zum Nachdenken anzuregen, ist nachvollziehbar", entgegnet der nach eigenen Aussagen geschichtsinteressierte Randolph Hankel. "Das anhand von Hexenverfolgung fest zu machen, halte ich allerdings für falsch", bekennt er. Unter Umständen gebe sich die Stadt damit der Lächerlichkeit preis.
Den Ausschussvorsitzenden Daniel Sauer (CDU) stört nicht nur, dass die Linken davon sprechen "Unrecht durchleuchten" zu wollen. "Dafür ist Ihre Fraktion ja nun nicht gerade prädestiniert...", bemerkt er mit Blick auf die DDR und die Rolle, die die Vorläuferpartei SED damals spielte. Er möchte gern wissen, wofür die Linken 2000 Euro von der Stadt haben wollen. "Welches Konzept steht dahinter?", fragt Sauer. Überhaupt: "Seit wann fördert die Stadt Projekte von Parteien?"
Die 2000 Euro seien eher "eine theoretische Größe", antwortet Sören-Ole Gemski. Man wolle eine Ausstellung zu dem Thema zeigen, eine Podiumsdiskussion organisieren, "und auf jeden Fall wird es eine Broschüre geben", zählt er auf.
Seit dem Jahre 2005 steht an der Stadtmauer ein Denkmal, dass an die Opfer der Hexenverfolgung in Bernau erinnert. In ganz Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern gebe es eine Bewegung, in der Städte, die in ihrer neuzeitlichen Historie Hexenverfolgungen zu verzeichnen hatten, die Opfer per Beschluss ihrer kommunalen Vertretungen symbolisch rehabilitiert haben, erklärt Sören-Ole Gemski. Es sei an der Zeit, sich dieser Bewegung anzuschließen "und auch einen formellen Schritt zu tun, um mit einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung Bernau die Opfer der Hexenverfolgungen in unserer Stadt zu rehabilitieren", findet seine Fraktion.
Nur knapp entscheidet sie im Finanzausschuss die Abstimmung für sich. In der Stadtverordnetenversammlung am Donnerstag dürfte die Debatte weiter gehen.