Die Zahlen sind erschreckend. Im Jahr 2019 sind 15.701 Kinder in Deutschland Oper von sexuellem Missbrauch geworden. Im Jahr zuvor waren es 14.410 Kinder. „Das ist nur die Spitze des Eisberges“, sagt Anke Sieber. In zwei von drei Fällen, die vor Gericht landen, käme es gar nicht erst zu einer Verurteilung, so die 50-Jährige.
Und das sind nur die bekannten Fälle. Laut Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes, spiele sich Kindesmissbrauch in den meisten Fällen hinter verschlossenen Türen ab. Heißt folglich: Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Und Anke Sieber betont: In 95 Prozent der Fälle kämen die Täter aus dem Bekannten- oder Verwandtenkreis der Familie.
Für das Thema zu sensibilisieren und Kinder davor zu schützen, zu Opfern zu werden, macht sich Dreist e. V. aus Eberswalde stark. Anke Sieber war 1997 Gründungsmitglied und ist noch immer für den Verein aktiv. Im Rahmen des Präventionsprojektes „SpielGrenze +“ arbeitet sie derzeit an der Grundschule Zepernick. Das Projekt richtet sich an Kinder zwischen vier und acht Jahren und deren erwachsenes Umfeld. Denn: „Kinder können sich nicht allein gegen sexuellen Missbrauch zur Wehr setzen. Sie benötigen aufgeklärte und sensibilisierte Erwachsene, die schon durch ihre eigene Haltung vorleben, dass Kinder Rechte haben und sie dadurch stärken“, davon ist man bei Dreist e. V. überzeugt.

Küsschen für Tante Erna

An dem Projekt „SpieleGrenze +“ nehmen in Zepernick alle zweiten Klassen teil. Die Lehrer der Schule wurden bereits in der Vorbereitungswoche mit dem Thema konfrontiert. Anhand konkreter Situationen aus dem pädagogischen Alltag wurden Handlungsstrategien entwickelt. In der vergangenen Woche ging es dann an die Elternarbeit. An zwei Abenden wurden interessierte Mütter und Väter geschult. Wann spricht man von sexuellem Missbrauch? Was können Eltern tun, um ihr Kind zu stärken?
Es fängt bereits mit Kleinigkeiten an, wie: „Gib Tante Erna ein Küsschen.“ Doch was ist, wenn das Kind nicht will? Es solle nicht erzwungen werden, betont Jana Kohlhaw, Jugendkoordinatorin der Gemeinde Panketal. Gemeinsam mit Sarah Schlieben, der Schulsozialarbeiterin der Grundschule Zepernick, hat sie die Zusammenarbeit mit Dreist e. V. organisiert. „Es ist wichtig, seine eigenen Grenzen zu erkennen“, sagt Jana Kohlhaw. Und mehr noch: Bezugspersonen müssten diese Grenzen akzeptieren und Kinder darin bestärken, dass es in Ordnung sei, diese zu haben. Ganz nach dem Prinzip: Mein Körper – meine Entscheidung. „Ein selbstbewusstes Kind, das seine Grenzen kennt und äußert, macht es einem Täter schwieriger“, so die Jugendkoordinatorin.

Schulbus verpasst – und dann?

Beim Gespräch mit den Eltern kommen konkrete Beispiele auf den Tisch. Was tun, wenn das Kind den Schulbus verpasst? Anke Sieber empfiehlt, Situationen wie diese mit seinem Kind durchzuspielen und klare Absprachen zu treffen. „Dann weiß das Kind, was zu tun ist und steigt in seiner Verzweiflung nicht bei einem Nachbarn ein.“ Und wie verhalten, wenn das Kind am Küchentisch davon berichtet, am Bahn-Gleis beobachtet worden zu sein? „Nachhaken“, sagt Anke Sieber – ohne eigene Ängste auf das Kind zu übertragen. Mögliche Fragen wären dann: Wie ging es dir in der Situation? Was hast du dann gemacht? „Und loben ist wichtig“, sagt die Expertin. „Du bist weitergegangen, was für eine tolle Strategie!“
Auch Jana Kohlhaw setzt auf Kommunikation: „Wenn das Kind nicht zu Opa will, dann nicht sagen: ‚Dann ist Opa bestimmt traurig’, sondern nachfragen, was dahintersteckt.“ Im Idealfall ist es etwas ganz Banales. Vielleicht gibt es bei Opa jedes Mal Spinat? Doch das gilt es für Eltern herauszufinden. „Eltern müssen gar nicht zaubern“, so Anke Sieber, „aber sie müssen ihren Alltag reflektieren und ihr Kind darin stärken, anderen gegenüber auch Nein zu sagen.“
Nein zu sagen – das werden die Schüler auch im Januar üben. Dann endet das Präventionsprojekt von Dreist e. V. an der Grundschule mit einer Geschichte über Clara.