Zwischen 27000 und 30000 Pendler fahren täglich aus dem Barnim nach Berlin. Die 49-jährige Silke Stutzke aus Klosterfelde arbeitet in Berlin und fährt täglich nach Friedrichshain. Eigentlich nimmt sie die Heidekrautbahn ab Klosterfelde und steigt in Karow in die S2 um. Wegen der Bauarbeiten am Karower Kreuz ist die Strecke bis Pankow seit 6. November und noch bis 4. Dezember voll gesperrt. Als Silke Stutzke - die erfolgreiche Ultra-Läuferin, die schon mal Strecken über 230 Kilometer bewältigt - erfährt, dass sich Busse statt der Bahn durch den Berliner Berufsverkehr kämpfen sollen - entscheidet sie: "Ich laufe die Strecke ab Karow zu Fuß." Früh morgens und abends, und zwar täglich, sei das auch für sie bei Regen und Kälte ein Graus. Aber: "Ich bin zwar nicht so schnell wie mit die S2, aber schneller als der Ersatzbus. Wenn ich über die Brücke der A 114 laufe, sehe ich den Bus manchmal unter mir im Stau stehen, voll besetzt."
Die Polizeibeamtin Marina Heling aus Zepernick hat es zunächst mit dem Ersatzverkehr versucht. Der Frust aber sei zu groß geworden: Nach einem langen Arbeitstag - morgens um Fünf macht sie sich auf den Weg nach Gesundbrunnen - holt sie ihre drei Kinder aus der Kita oder Schule ab. "Da kann ich es mir überhaupt nicht erlauben, zu spät zu kommen. Das war das Schlimmste am Ersatzverkehr, dass die Busse immer wieder festhingen." Nach den ersten Tagen S2-Sperrung zieht sie die Konsequenz. Ihre Lösung: Sie leiht sich von einer Freundin ein E-Bike. Damit sei sie 45 Minuten unterwegs, zwar zehn Minuten länger als mit der S2 - doch fast doppelt so schnell wie mit dem Schienenersatzverkehr.
Ob Laufschuhe oder E-Bike - diese Alternativen eignen sich sicherlich nicht für jeden. Viele, wie Familie Winkler aus Elisenau, steigen auf das Auto um. Der Freiberufler bringt seine Frau sonst zum Bernauer S-Bahnhof und beginnt dann mit seiner eigenen Arbeit. Jetzt fährt er sie bis zu ihrer Arbeitsstelle Storkower Straße (Prenzlauer Berg). "Der Regio ist so voll, da kriegt man schon keine Luft mehr", erklärt sie. Mit der S-Bahn sei sie eine Stunde, mit dem Schienenersatzverkehr bis zu zwei Stunden unterwegs, mit dem Auto aber nur knapp 45 Minuten. Um das zu schaffen - und nicht in den täglichen Staus auf den Berliner Ein- und Ausfallstraßen stecken zu bleiben - hat sich der ortskundige Elisenauer eine etwas abseits gelegene Route gesucht.
Viele Pendler scheuen die Staus auf den Straßen oder sind ganz einfach auf den Zugverkehr - in diesem Fall auf den Regionalexpress - angewiesen. Dort ist der Frust riesig. "Wieder nicht geschafft", stöhnt Steffen Müller (32). Weil der Zug am Mittwoch um 6.41 Uhr nach Lichtenberg zu voll war, konnte er mit seinem Rad nicht mehr zusteigen. "Die eingesetzten Waggons reichen nicht aus, um die S-Bahn komplett zu ersetzen", sagt er. Das tägliche Vabanquespiel, ob man mitgenommen werde oder nicht, sei "ziemlich belastend. Und der Arbeitgeber verlangt, dass man deshalb ein, zwei Züge früher fährt." - "Der RE 3 ist zwar ziemlich voll, aber es geht", sagt dagegen Astrid Lindenberg (48) aus Löhme, die täglich bis zur Frankfurter Allee fahren muss. Die Parkplatzsituation am Bernauer Bahnhof sei schlimmer.
Die Auszubildenden Lance Jahr (18) aus Stolzenhagen und Enrico Biehs (22) aus Zepernick stöhnen über den vollen RE 3. Als ihr Zug um 7.06 Uhr zum Hauptbahnhof eintrifft, sitzen die Fahrgäste in den Doppelstockwagen teilweise schon auf den Stufen der Aufgänge. Mit den beiden Azubis steigen in Bernau einige hundert zusätzliche Fahrgäste ein, darunter auch Siegrid (77) und Klaus (82) Giegandt, die wegen eines Termins pünktlich in Berlin sein müssen und in keinen Stau geraten wollen.
Wer Zeit hat und vergangene Woche noch nicht vom Bus-Pendelverkehr abgeschreckt war, steigt als Bernauer in die deutlich leerere S-Bahn nach Karow um. Dort angekommen, entsteht an der SEV-Haltestelle zu Stoßzeiten zwischen 7 bis 8.30 Uhr eine Menschentraube, die mit dem Express-Bus über die Autobahn nach Pankow fahren will. Auf dem Rückweg herrscht dann wieder zwischen 15 und 18 Uhr der größte Andrang. Als die 24-jährige Claudia zum ersten Mal in Karow den Schienenersatzverkehr nahm, wählte sie - wie viele andere auch - den falschen Bus. Neben der schnelleren Autobahn-Linie fährt parallel einer über die Dörfer nach Pankow. Die meisten Pendler haben sich inzwischen mit der Situation arrangiert und warten geduldig auf den "Richtigen". Busfahrer Jürgen Pfeffer braucht mit seinem Fahrzeug derzeit nur planmäßige 25 Minuten. Am ersten Pendel-Tag, als alle wieder zurück aus den Ferien waren, war er für die gleiche Strecke noch zwei Stunden unterwegs. Manchmal geht es auch schon ein paar Minuten früher los, weil Pfeffers Bus bereits voll ist. Ein zweiter Kollege startet direkt hinter ihm und sammelt den Rest ein. Dennoch sitzt bei vielen der Frust über die Umstände und den Zeitaufwand tief: "Ich habe neulich zweieinhalb Stunden gebraucht, um nach Pankow zur Arbeit zu kommen", schimpft ein Fahrgast. Trotzdem fahre er weiterhin Bus - mit dem Auto ginge es aufgrund der vielen Baustellen auch nicht schneller.
Der Wandlitzer Robert Rebling* gehört zu den unzähligen Pendlern, die sich Tag für Tag einen Weg in die Hauptstadt bahnen müssen. Aktuell spricht er überraschenderweise von einem "Glücksfall". Weil er in Richtung Berlin-Hoppegarten fährt, betreffen ihn die ganz großen Verwerfungen im Straßenverkehr nicht. "Mein einziges Hindernis besteht derzeit in der gesperrten Zufahrt zur A11-Auffahrt Wandlitz und der Ampelregelung, die ich in Richtung Bernau zu überwinden habe." Da er kurz nach 8 Uhr aus dem Haus muss, bekommt er nicht einmal den vollen Ampelstau zu spüren. Zwischen fünf und zehn Minuten wartet er an der Ampel, dann geht es im Zuckeltempo nach Bernau Nord zur Auffahrt auf die A 11. Seine Frau pendelt dagegen jeden Tag in Richtung Havelland. Sie fährt aktuell über Wensickendorf, da die Zufahrt von Zühlsdorf nach Summt noch bis zum Jahresende gesperrt ist. In Wensickendorf stoppt eine Ampelregelung, im Ort wird seit Monaten zentrales Abwasser verlegt. Die A10-Auffahrt Mühlenbeck teilt sich die Wandlitzerin dann mit vielen anderen Autofahrern. Ihre Fahrzeit zur Arbeitsstelle hat sich damit um zusätzliche 20 Minuten verlängert.
Marco Hübner*, ebenfalls aus Wandlitz, muss dagegen in Richtung Berlin-Pankow fahren und überlegt jeden Tag neu, welchen Weg er nimmt. "Mal geht es über Schönerlinde, dann über Schildow oder über Mühlenbeck. Für mich dauert der Arbeitsweg nach Berlin eine halbe Stunde länger", wettert der Automechaniker ziemlich entnervt. Ähnlich kompliziert verhält es sich mit dem Rückweg: Der Stau in Richtung Norden reicht bis auf die Pankower Graditzstraße zurück. "Für mich ist klar, ab April geht es mit dem Motorrad zur Arbeit", hat Hübner bereits festgelegt.
*Namen geändert