Es war der 20. Februar 2016. Erstes Rückrundenspiel für den Landesligisten SG Union Klosterfelde. Es ging um viel, schließlich peilte man den Aufstieg in die Brandenburgliga an. Alexander Rathmann ist der Kapitän der Barnimer im Spiel gegen den FSV Babelsberg 74. Es ist die 30. Minute, Union führt mit 2:0. Alex Rathmann fühlt sich noch topfit. Mit dem Ball am Fuß will er rechts am Gegenspieler vorbei, da passiert es. Der 23-jährige Verteidiger bleibt mit dem Fuß im Rasen hängen, knickt um, stürzt. "Ich hatte gleich das Gefühl, dass etwas gerissen ist", erinnert sich Alexander Rathmann an die ersten Sekunden nach dem Unfall zurück. "Aber es hat gar nicht so sehr weh getan. Ich habe sogar überlegt, weiterzuspielen." Doch Physiotherapeut Lutz Hacker winkt zum Glück ab. "Geh besser mal zum Arzt."
In der Notaufnahme im Krankenhaus wird nach dem Röntgen zunächst nur eine Überdehnung diagnostiziert. Doch Rathmanns Eltern überreden ihn, weitere Untersuchungen vornehmen zu lassen. Beim MRT dann die schlimme Diagnose: Das vordere Kreuzband ist gerissen. Ein Jahr ist das jetzt her.
Verletzungen gehören zum Fußball wie der Ball und die Tore. Sie sind Teil des Spiels. Jene am Kopf, an den Sprunggelenken, Muskelverletzungen und akute Schäden am Kniegelenk. Das weiß jeder Spieler. Sportmediziner Dr. med. Simeon Geronikolakis ist Spezialist auf dem Gebiet der Sportverletzungen und sagt: "Als dynamische Kontaktsportart mit vielen körperlichen Duellen, kurzen Sprints, komplexen Bewegungsabläufen, Sprüngen, schnellen Richtungswechseln und Antritten sowie abrupten Abstoppbewegungen ist Fußball ein sehr verletzungsträchtiger Sport und Verletzungen, egal welchen Ausmaßes, gehören definitiv dazu."
Gerade bei den Amateuren treffen Sportmediziner häufiger auf Verletzungen, die zu längeren Pausen führen. "Aufgrund von Unterschieden in der körperlichen Fitness und neuromuskulären Funktion, in der Konsequenz in puncto Ernährung sowie in der Qualität des Trainings, der Fußballplätze und der medizinischen Versorgung sehe ich im Amateurfußball im Vergleich zum Profifußball mehr und etwas gravierendere Verletzungen mit längeren Ausfallzeiten", so Dr. med. Simeon Geronikolakis. Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie ist ehemals selbst aktiver Fußballer und kennt die Fälle zur Genüge.
Alexander Rathmann ist mittlerweile wieder in das Training bei Union eingestiegen. "Bis auf die Zweikämpfe. Die lasse ich noch aus", erklärt er. Auch ein erstes Spiel für die zweite Mannschaft von Klosterfelde in der Kreisliga hat er bereits absolviert. "Die ersten Spiele werde ich wohl auch dort bestreiten, weil das Tempo da nicht so hoch ist wie in der Brandenburgliga." So ganz fit fühlt sich der Bernauer noch nicht wieder. "Das Knie fühlt sich schon noch instabiler an als das gesunde." Aber die Ärzte haben ihm grünes Licht gegeben. "Sie haben gesagt, dass das Knie fast wieder genauso stabil werden sollte wie das unverletzte. Aber die Betonung liegt auf fast", sagt der Kapitän.
Sportarzt Dr. Simeon Geronikolakis musste schon dem einen oder anderen Fußballer nahelegen, mit dem Kicken aufzuhören, aber auch das Gegenteil: "Ehrlich gesagt musste ich öfter Fußballern, denen vom Spielen abgeraten wurde, erklären, dass ich keinen wirklichen Grund sehe, diesen Sport gänzlich aufzugeben. Und ich habe einem Junioren-Bundesligaspieler schon, wenn auch nicht komplett, vom Fußball abgeraten, aber ihn ganz explizit dazu ermutigt, großen Wert auf seine schulische Ausbildung zu legen, um im Falle einer erneuten Verletzung nicht mit leeren Händen dazustehen."
Besonders der Kreuzbandriss ist berüchtigt unten den Verletzungen bei Fußballern. Er gilt als Herzenbrecher auf dem Platz. Er raubt dem Kicker das, was er am meisten liebt: das Fußballspielen. "Das vordere und hintere Kreuzband sind zusammen mit den Seitenbändern die Hauptstabilisatoren des Kniegelenkes. Der Riss des vorderen Kreuzbandes ist eine häufige Sportverletzung infolge eines Knieverdrehtraumas und zwingt zu einer mehrmonatigen Ausfallzeit", erklärt der Sportmediziner. Folgeschäden können eine Kniearthrose sein, die später sogar manchmal die Implantation einer Knieprothese nötig macht.
Ein Problem ist oft auch der Kopf. Plötzlich kannst du selber nicht mehr auflaufen. Plötzlich bist du nur noch bedingt ein Teil deiner Mannschaft. Die Psyche: nicht selten angeknackst. Alexander Rathmann hat dieses Problem nicht, er ist weiterhin fester Bestandteil der Mannschaft, die ihn das auch spüren ließ. Probleme macht ihm eher die Angst, dass wieder etwas passieren könnte, die Verletzung wieder aufbricht. "In den Zweikämpfen bin ich noch vorsichtig. Ich hoffe aber, dass sich das irgendwann wieder gibt."
Mehr Informationen auf: www.fupa.net/brandenburg/