"Was sind meine Siebensachen in den überlad'nen Räumen, die ich mitnehm, wenn die Ruhe bricht...?" fragt Thalheim am Sonnabend auch auf der kleinen Bühne des Kulturbahnhofs Biesenthal in einem ihrer Songs. Denn immer noch und immer wieder geht es ihr um die Bewahrung der eigenen Identität in einer Zeit, die auf Masse aus ist. Es ist ihr intimstes, intensivstes Programm und da die Thalheim für ihr Metier brennt, kommt der Spaß - oder sollte man sagen - Lustfaktor - natürlich nicht zu kurz. So plaudert sie auch mal ganz privat: "Ja, ich weiß, das ist jetzt sehr persönlich, aber ich muss das mal erzählen ..."
Und dann kommt diese Geschichte mit dem Vater, der mit seiner zweiten Frau auf Kreuzfahrt ist. Die dem Käptn beim Kapitäns-Dinner auf die Wange küsst, die Wut des Vaters darüber, die Zwietracht, die später von den beiden älteren Herrschaften um so inniger beigelegt wird ... Zurück zu Lied und dem Thema Alter sagt sie: "Je älter man wird, desto weniger braucht man ..." Ist das so? Oder ist es eher eine Frage der Konzentration auf die wesentlichen Dinge des Lebens, das man schon so einige Jahrzehntelang durchschritten hat.
Barbara Thalheim wird in diesem Jahr 70 Jahre. Und bricht mit ihrer Person dieses schreckliche Klischee - die ist alt. Ja - älter - doch wird das heutzutage leider noch viel zu oft oberflächlich mit - "kann nicht mehr so gut" im wesentlichen abgetan. Die Facetten eines menschlichen Lebens - die bei Barbara Thalheim so vielfältig sind, lebendig, offen, kritisch, höchst interessant zu durchschreiten, machen den Abend so spannend und beweisen, dass die Zahl auf dem Geburtstagskuchen eben eine Zahl, aber kein Alt-Stempel ist.
Dennoch macht es zu schaffen. Und sie sagt: "Ich hab mal schon Klebchen angebracht, wenn ich mal nicht mehr bin, was jeder so kriegen soll. Hoffentlich schau'n sie auch unter die Möbel, wenn die rausgetragen werden", und lächelt.
Die Künstlerin erinnert sich an die Zeit vor fast einem Vierteljahrhundert, als sie nach Paris ging. Das war 1993. Da wollte sie die Geschichte ihres Vaters aufarbeiten. "Für mich war Paris aber auch die Zeit der französischen Chansons. Das hat mir die Tür geöffnet, nicht in die Schlager- oder Popszene zu gehen", sagt sie und singt dann: "Mein flaches Land - mein Kinderland" - ihren persönlichen Abschied vom "versunkenen Kontinent" der DDR. Worte wie: "Bist abgebrannt und bleibst mir doch für immer eingebrannt" - stehen für eine schöne Kindheit, in der gar nichts gefehlt hat. Schon wohl gar nicht, das "Klick-Klick" - der Titel ihres quietsch-neuen Songs. Der sich auf diese unentbehrliche Klickerei bezieht. "Klick, klick ... unter den Fingern die Schwärze der Zeit im Netz geteilt - Klick, klick ... allein mit sich und den Usern der Welt".