Anja Lehmann hält einen Klinkerstein in der Hand und klopft mit vorsichtigen Hammerschlägen diverse Mörtelreste ab. Etliche dieser Klinker sind in den Jahren des Leerstands nach Abzug der sowjetischen Armee 1991 abgefallen, liegen nun verstreut im Gras. Mit ihnen waren die 1939 bis 1942 in Skelettbauweise aus Stahlbeton errichteten acht Gebäudekomplexe verkleidet worden. Diese Fassaden werden unter der Wärmedämmung der neuen Wohnungen verschwinden. Die "Operation Klinker", die ihm Rahmen des Kontext Labors Bernau vom Bernauer Kulturamt und der Universität der Künste in Berlin mit Unterstützung des Investors durchgeführt wird, ermöglicht es jedoch, das Bernauer "die Klinker als Spuren der Geschichte" erhalten können, erläutert Gregor Kasper, Student des UdK-Instituts für Kunst im Kontext.
Die Klinker können für eigene kleine Bauvorhaben im Garten, in der Wohnung oder im Verein verwendet werden. "So wird dieser geschichtsträchtige Ort, an dem die Folgen deutscher und internationaler Politik der letzten 75 Jahre erlebbar sind, in den heutigen Alltag eingebunden", sagt Gregor Kasper, der bisher Bilder und (Sound-)Installationen hergestellt und Projekte in Schulen durchgeführt hat. "Mit der Operation Klinker", sagt er, "soll die Geschichte in die Stadt getragen und für die Zukunft erhalten werden - nicht als übermächtiges Denkmal, sondern als Teil des Alltags."
Anja Lehmann ist eine von bislang 15 Teilnehmern. Sie will den Boden ihres Balkons mit flachen Fliesenklinkern belegen. Das Projekt ist für sie eine "andere Art von Denkmalpflege, eine Art praktiziertes Bürgerschaftsdenkmal. Wenn ich meinen Balkon betrete, werde ich mich erinnern, was einmal war."
Unter den Teilnehmern sind viele Ältere, die ganz eigene Vorstellungen mit dem zu DDR-Zeiten unzugänglichen Gelände verbinden. Eine Frau ist bereits über 80 Jahre alt. Sie überlegt, ob sie aus den Steinen ein Regal in ihrer Wohnung mauern lässt. Viele wollen die Steine in ihrem Garten verwenden; eine Sitzbank, ein Wasserbecken mit Dusche und ein Gartenofen sind dabei.
Als vor einigen Jahren aufgrund von Bauarbeiten eine Umleitung über das sonst gesperrte Gelände eingerichtet wurde, fuhr Oliver Bahlo diese Strecke jeden Tag. "Schon damals sind mir die riesigen Klinkerbauten aufgefallen", erinnert er sich. Als ihn jetzt seine kleine Tochter einlud, mit ihr zu einem anderen Kontext-Labor-Projekt, der Mitmachstadt Bernau, zu gehen, entdeckte er die Operation Klinker und war von dem Vorhaben sofort begeistert. "Die Klinker gehören historisch zu Bernau und es wäre doch schade, wenn sie einfach hinter dem Wärmeschutz verschwinden." Er plant eine Feuerstelle im Garten.
Auch der Verein Panke-Park Kulturkonvent beteiligt sich an dem Klinker-Projekt. Carl-Jürgen Kaltenborn und Michael Junghans, der frühere und der heutige Vorsitzende, und ihre Mitstreiter haben sich 13 Jahr für den Erhalt des Areals eingesetzt. Wenngleich die Vorstellungen von einer gemischten Nutzung nicht umgesetzt werden konnten, freuen sie sich doch darüber, dass für den Wohnungsbau ein Investor gefunden wurde. "So wird aus einem Militärstandort, an dem Uniformen hergestellt wurden, in die junge Menschen gesteckt und in den Krieg geschickt wurden, ein Areal mit friedlicher Nutzung", hebt Carl-Jürgen Kaltenborn hervor. Der Verein baut nun darauf, dass der allen zugängliche Park auf dem Gelände zum Nutzen der Stadt entsteht, möglicherweise auch in einzelnen Etappen. Eine gemeinsame Projektgruppe sei von den Stadtverordneten bereits beschlossen worden.
Übrigens werden vor allen Grundstücken mit Klinker-Projekten kleine Schilder angebracht, die auf den Hintergrund der Aktion aufmerksam machen. Fotos werden außerdem im Internet zu sehen sein. Wer sich im Mauern nicht sicher fühlt, dem bietet Gregor Kasper auch Hilfe an. Weitere Interessenten können sich noch bis September per E-Mail unter operation klinker@gregorkasper.de oder telefonisch unter 0160 97056849 an ihn wenden.