"Es ist Harakiri, wenn die Schüler die Straße queren müssen", sagt eine Besucherin der Sitzung der AG Radverkehr, einer offenen Gruppe, die im vergangenen Jahr von der Stadtverordnetenversammlung ins Leben gerufen wurde. Die Anwohnerin spricht von der Einmündung der Werner-von-Siemens-Straße in die Schönower Chaussee. Über die Autobahnbrücke führt der Radweg nur auf einer Seite lang. Wer dann stadteinwärts weiter radeln möchte, muss hinter der Werner-von-Siemens-Straße die Schönower Chaussee überqueren. Das würde, so ihre Beobachtung, kaum jemand machen.
"Für Schüler ist die Überquerung eine Katastrophe", findet Irene Köppe, auch sachkundige Einwohnerin im Finanzausschuss. Dabei spricht die Statistik eine andere Sprache: die Zahl der Unfälle ist rückläufig, seit die linke Straßenseite nicht mehr in beide Richtungen genutzt werden darf, informiert Marcel Kerlikofsky, Leiter der Straßenbehörde beim Landkreis. "Es gibt also Radfahrer, die die Straße queren", resümiert er und klärt über rechtliche Grundlagen und Möglichkeiten, Radwege zu gestalten, auf.
"Radfahrer sind Fahrzeugführer", betont Kerlikofsky. Als solche gehören sie grundsätzlich auf die Straße - auf wenn das nicht jeder Autofahrer wahrhaben möchte. Ausnahmen stehen in der Straßenverkehrsordnung (StVO): Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen und Kinder bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr dürfen den Gehweg benutzen. "Somit sollten auch Gehwege den Anforderungen von Radfahrern gerecht werden", fügt er an.
Weiter gibt es sogenannte Führungsformen für Radwege, die von dem Grundsatz, die Straße nutzen zu müssen, abweichen, sagt der Experte. Dazu gehören Pflichtradwege, die mit einem Verkehrszeichen, weißes Rad vor blauem Grund, gekennzeichnet sind und von Radfahrern benutzt werden müssen - vorausgesetzt, sie sind befahrbar. Liegen Scherben auf dem Radweg oder ist er durch parkende Autos verstellt, dürfen Radfahrer auf die Straße ausweichen.
"Benutzungspflichtige Radwege gibt es in Bernau nicht", informiert Michael Klitsch, sachkundiger Einwohner im Stadtentwicklungsausschuss. Was es hingegen sehr wohl gibt, sind rechte und linke Radwege. Für sie gilt: beide müssen nicht, dürfen aber genutzt werden. Für den linken Radweg muss das zusätzlich durch das Verkehrszeichen "Radverkehr frei" angezeigt werden. Gibt es kein Zeichen, hat man als Radfahrer auch kein Recht, die linke Straßenseite zu nutzen, so wie in der Schönower Chaussee. Trotz mulmigem Gefühl: auf der Straße zu fahren, kann sogar sicherer sein. Die Zauberworte heißen Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme - wie im gefährlichen Kreisel am Wasserturm.
"Wenn der Radverkehr gefördert werden soll, dann sollte das Tempo angepasst werden", sagt Kerlikofsky. Weil kaum ein Radfahrer mit 50 km/h unterwegs ist, würde das bedeuten, die Geschwindigkeit auf ausgewählten Straßen auf 30 km/h zu begrenzen. "Das wäre im Sinne des Verkehrsflusses", erklärt er.
"Was kann 2016 umgesetzt werden?", fragt Klitsch in die Runde. Auf der Sitzung im März möchte die AG einen Maßnahmenkatalog erarbeiten, der der Stadtverordnetenversammlung vorgelegt werden kann. Einfließen sollen auch Ergebnisse der Integrierten Verkehrsentwicklungsplanung, regt Bernaus Baudezernent Jürgen Jankowiak an.