Wenn die Linke-Stadtfraktion zum Politischen Aschermittwoch ruft, ist das "Ofenhaus" gut gefüllt. An diesem Freitag aber ist es überfüllt. Selbst politische Konkurrenten bekommen nur noch Stehplätze ab. Dennoch halten sie durch - zwei Stunden lang. So üppig ist das Programm von "Die mit dem Zettel" zuvor noch nie geraten.
Es mag an der Handschrift des neuen künstlerischen Leiters, Dieter Korczak, liegen oder auch daran, dass sich die Texte-Schreiber nicht einengen lassen wollten (bekanntlich machen die Fraktionsmitglieder auch im Stadtparlament, was sie wollen): Das Bemühen, alle relevanten Themen in Bernau satirisch abzuhandeln, ist groß. Teilweise zu groß. Das führt schon einmal dazu, dass die eine oder andere Pointe auf der Strecke bleibt. Etwa, wenn Verkäufer Dominik Rabe einem Ehepaar (gespielt von Heidi Scheidt und Harald Ueckert) für 10000 Euro ein Windrad aufschwatzt. Nach erfolgreichem Vertragsabschluss verheißt der Verkäufer, das Paar werde selbstverständlich zum Essen unterm Windrad eingeladen. Es gebe Kohlroulade und Matjes. Verstehen können den Sketch nur diejenigen, die wissen, worauf er Bezug nimmt: auf ein Gespräch über eine Kaffeefahrt, die Familie Korczak/Bossmann am Nebentisch belauschte.Doch soll man solche kleinen Pannen bei einem Laien-Kabarett, das einmal im Jahr auftritt, tatsächlich überbewerten?
Es gibt mehrere tolle Szenen bei diesem Politischen Aschermittwoch. Etwa, wenn Stadtverordnetenvorsteherin Hildegard Bossmann (sich selbst spielend) und Fraktionsvorsitzende Dagmar Enkelmann in der Rolle von Vize-Bürgermeisterin Michaela Waigand über den Festumzug zum Hussitenfest debattieren. Pferde sind verboten, weil sie Pferdeäpfel hinterlassen, auf denen jemand ausrutschen könnte. Kanonen sind verboten, weil sie die Falschen treffen könnten. Die Blaskapelle darf nicht mehr mitlaufen wegen der Gefahr, falsche Töne zu spielen, historische Wagen nicht mehr mitfahren, weil die Scheibenbremsen fehlen und neuere Wagen nicht wegen der Scheibenbremsen. "Alles gestrichen!" beharrt Waigand-Enkelmann auf Sicherheitsvorschriften. "Und was bleibt dann noch?!", fragt Bossmann. Die Antwort: ein Bild von Bürgermeister André Stahl.
Genial geradezu ist der Sketch, in dem sich die Linken mit der 1000. Dienstagsdemonstration befassen. Die Demonstranten marschieren mit Gehilfen auf die Bühne. Auf ihren Transparenten Forderungen wie "Wasserlassen für Alle" oder "Ich will nachts nicht mehr raus müssen". "Jetzt repräsentieren wir 0,01 Prozent der Bevölkerung", stellt ein sichtlich gealterter Michael Junghanns fest. Gemeinsam mit den anderen grübelt er, wogegen man nun noch sein könne. "Erst waren wir gegen Altanschließerbeiträge, dann gegen den alten Bürgermeister, dann gegen den neuen", zählen sie auf. Ach ja, gegen Windräder und gegen Flüchtlinge waren sie auch, "gegen Biber in der Panke" - und gegen die MOZ...
Genial auch Christian Rehmer in Gestalt von "Rumpelstilzchen", der seine Identitäten ändern kann. Einmal ist er Theologe, dann wieder Philosoph und schließlich Jurist. Er "entert" Kreistag, Landtag und Migrationsbeirat. "Ach, wie gut, dass niemand weiß, wie ich wirklich heiß", jubelt Rumpelstilzchen am Ende - Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind gewollt.
Einziger Nicht-Bernauer auf der Bühne darf auch dieses Jahr Linke-Kreischef Sebastian Walter sein. Er hält die Aschermittwoch-Rede. Etwas zu lang, wenn es um die Bundespolitik geht, viel zu deftig, aber insgesamt amüsant. Walter jedenfalls meint: "Bernau hat es ja auch nicht leicht. Hier will keiner her. Die Parkhäuser bleiben leer, ein Tigerbaby wollte lieber nach Tempelfelde und selbst die S-Bahnfahrer wollen nur alle 20 Minuten hierher. Aber ich wenigstens bin trotzdem gekommen, Solidarität mit den Schwachen muss ja praktisch sein." Wie recht er hat. Na dann: Bis zum achten Politischen Aschermittwoch.