Wenn der Wandlitzer Rolf Berger* von der "Zwangsernährung" seiner Tochter Emilia* spricht, ist das Entsetzen über den erlebten Vertrauensbruch gegenwärtig. "Wir essen streng vegetarisch und damit absolut kein Fleisch. Wir wollen auch nicht, dass unser Kind Fleisch isst. Das war ausdrücklich Inhalt unseres Eltern-Erstgespräches mit der Kita im Januar 2011." Dort wurde den Eltern von zwei Erziehern mitgeteilt, dies sei überhaupt kein Problem, da der Essenanbieter Sodexo vegetarische Kost im Programm habe und dies problemlos bestellt werden können.
Familie Berger nennt Gründe für ihre Einstellung, obwohl sich Rolf Berger dafür nicht entschuldigen müsste oder gar ein ärztliches Attest benötigt, wie ihm später seitens der Kita-Leiterin vorgeworfen wurde. "Es gibt für uns viele Gründe, auf Fleisch zu verzichten. Wir lehnen die Massentierhaltung ab, weil den Tieren dabei unendliches Leid zugefügt wird. Wir wissen, dass durch die Tierhaltung multiresistente Keime ins Essen geraten, die sich dann im menschlichen Körper einnisten. Und Fleischverzehr fördert Zivilisationskrankheiten wir beispielsweise Darmkrebs."
Das Vertrauen in die Absprache mit der Kita währte bis ins Jahr 2013, dann berichtete Tochter Emilia von Begebenheiten, die die Eltern misstrauisch werden ließen. "Da war plötzlich von Wurst die Rede und davon, dass das Kind einmal etwas Ordentliches essen sollte." Der in Sachen Umweltbewusstsein interessierte und kundige Vater suchte im Mai 2013 das Gespräch mit der Kita-Leiterin Elvira Wollenberg. "Diese fragte mich, wie aus der Pistole geschossen, nach einem ärztlichen Attest für unser Kind. Ich habe dann erklärt, dass dies nicht nötig sei."
Auch beim Essenversorger Sodexo fragte der Vater an und bekam eine eindeutige Antwort: Die Kita habe zu keinem Zeitpunkt vegetarisches Menü bestellt, obwohl dies möglich gewesen wäre. Schriftliche, an die Kita-Leiterin Elvira Wollenberg gerichtete Beschwerden brachten laut Rolf Berger keinerlei Reaktionen. Auch der Versuch, das Thema bei einem Elternabend zur Sprache zu bringen, sei nach hinten losgegangen, da "wir eher verurteilt wurden, als dass wir das Anliegen rüberbringen konnten", wie Rolf Berger beschreibt.
An den Träger der Einrichtung, die Arbeiterwohlfahrt, hat sich Berger gewandt, später schrieb er das Landesjugendamt Brandenburg an. Von dort bekam er immerhin eine Antwort mit der Versicherung, sich mit dem Einrichtungsträger in Verbindung setzen zu wollen.
Der Versuch der MOZ, mit Kita-Leiterin Elvira Wollenberg dazu ins Gespräch zu kommen, schlug ebenfalls fehl. Awo-Geschäftsführer Frank Peters teilte später auf wiederholte Anfrage mit: "Es ist grundsätzlich möglich, in den Einrichtungen der Awo vegetarisches Essen zu erhalten." Der Speiseplan sei öffentlich, es bestehe für Eltern jederzeit die Möglichkeit, Menüfolgen zu bestellen. Das bestreitet Berger vehement. "Es ist uns immer wieder gesagt worden, das Essen würde zentral geregelt, wir sollten definitiv nichts machen oder bestellen."
Diese Darstellung bestätigt auch Gaby Pollmer, Assistentin des Regionaldirektors bei Sodexo in Berlin. "Wir bieten drei Essen täglich an, darunter ein vegetarisches. In Wandlitz ist es so, dass die Kita-Leitung ein Gericht für alle bestellt. Es bekommen also alle Kinder das Gleiche."
Familie Berger hat nun reagiert und gibt ihrer Tochter vegetarisches Essen vorgekocht mit. Das einstige Vertrauen in die Awo-Kita ist komplett dahin.
*Namen geändert