Es ist Norbert Weich, der Chef der Bernauer Tafel, der vergangene Woche als sachkundiger Einwohner im Wirtschaftsausschuss die Dienstagsdemonstrationen anspricht und die Stadtverordneten bittet, sich um eine Lösung des Konflikts zu bemühen. "So kann es in der Stadt doch nicht weitergehen", sagt Weich. Doch er stößt mit seinem Appell auf wenig Gegenliebe. "Dieser Truppe da unten fehlt der Respekt und die Demut vor den anderen", sagt Udo Blümel (SPD) und weist mit dem Kopf in Richtung Marktplatz. "Es besteht bei denen kein ernsthafter Wille, etwas zu lösen", ist er überzeugt. Auch sein Fraktionskollege Jürgen Althaus regt sich auf: "Wir Stadtverordnete diskutieren stundenlang im Hintergrund und krakeelen nicht rum oder spielen Kasperletheater wie die", sagt er. Althaus hat nicht vergessen, wie er von den Demonstranten ausgebuht und beschimpft wurde, als er den Kompromissvorschlag der Stadtverordneten vortragen wollte. "Ich lass mich doch von denen nicht belegen", lehnt er jeglichen Kontakt mit der Bürgerinitiative ab.
"Zurzeit hat es aber den Anschein, als wenn man die Proteste aussitzen will", wendet Rainer Oettel, sachkundiger Einwohner für die CDU, zaghaft ein. "Pfarrer Gericke lädt ja zum Runden Tisch ein", bemerkt Michael Herrmann (Freie Fraktion) beiläufig. Damit ist das Thema für die Männer erledigt.
In der Tat soll es in dieser Woche einen Runden Tisch, moderiert von Pfarrer Thomas Gericke, geben, an dem Vertreter der Stadtverordnetenversammlung und Vertreter der Bürgerinitiative erstmals miteinander reden - "in einer von Zwängen und verbalen Konfrontationen freien Atmosphäre", wie es in der Einladung heißt. Die Initiative dazu geht von der Bürgerinitiative aus. Sie will ihren Standpunkt zur Altanschließerproblematik noch einmal erläutern und hat dazu im Vorfeld ein achtseitiges Papier erstellt, dass den Fraktionschefs bereits zugestellt wurde.
Doch deren Bereitschaft, auf die Argumente einzugehen, scheint nicht sehr ausgeprägt zu sein. So meldete sich die Ladeburgerin Renate Richter, Mitglied der Freien Fraktion, mit einem Offenen Brief zu Wort. "Als gewähltes Mitglied der Stadtverordnetenversammlung von Bernau bin ich meiner freien -dem Gemeinwohl verpflichteten -- Überzeugung im Rahmen des geltenden Rechts tätig. So lasse ich mich auch nicht von einer sehr lebhaften Gruppe auf dem Marktplatz erpressen, die ihren Anhängern verspricht, es müsste nur der Druck auf die politisch Verantwortlichen erhöht werden und schon hört die "Abzocke' auf", stellt sie gleich zu Beginn klar. "Da frage ich doch: Wer zockt hier wen ab?"
Die Forderungen nach Beitragsstopp, Rückzahlung und Gebührenfinanzierung würden nicht dem Gemeinwohl dienen, denn sie würden nur für eine verschwindend kleine Gruppe von Bernauer Grundstücksbesitzern wirklich einen Vorteil bringen, ist die Ladeburgerin überzeugt. Der absolut überwiegende Teil der Bernauer Einwohner sei weder Besitzer eines Grundstücks, noch tatsächlich Altanschließer oder würde als Altanschließer von der Umstellung auf (höhere) Gebühren langfristig profitieren. "Wirklich profitieren würden nur Grundstücksbesitzer von großen selbstgenutzten Grundstücken, die mit wenigen Personen bewohnt werden sowie Besitzer von großen Liegenschaften. Das mag im Einzelfall für die privaten Besitzer sehr dramatisch sein, deswegen jedoch einen großen Teil der Bürger zu belasten, läuft der Vertretung des Gemeinwohls diametral zuwider", begründet sie, warum sie an der Beitragsfinanzierung festhalten wird.
Unterdessen braut sich weiteres Ungemach über der Bürgerinitiative zusammen. Der Einwohnerantrag, für den sie mehr als 8000 Unterschriften gesammelt hat, steht zwar auf der Tagesordnung der Stadtverordnetenversammlung am 24. Oktober. Es soll aber nur entschieden werden, ob er überhaupt zulässig ist.