Das Ziel war klar: An besonders gefährdeten Straßen sollte eine Geschwindigkeit von 70 Kilometer pro Stunde angeordnet werden. Im Mittelpunkt standen dabei Verkehrswege mit "angrenzendem dichten Baumbestand ohne vorgelagerte Fahrzeug-Rückhaltesysteme außerhalb geschlossener Ortschaften". Dort sind bisher Geschwindigkeiten von 100 Kilometer pro Stunde erlaubt. Die Verkehrsexperten erwarten davon deutlich weniger Baumunfälle.
Die nüchternen Zahlen sprechen dabei für sich. Allein im Jahr 2010 starben auf den brandenburgischen Straßen 192 Männer und Frauen. Davon 78 an einer Buche, Linde oder Kastanie. Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) wollte das nicht länger hinnehmen, war aber gleichzeitig gegen ein generelles Tempolimit. Die Lösung war der Erlass. Mit ihm hatten die Landkreise die Möglichkeit, in Einzelfallprüfungen gefährdete Strecken zu ermitteln und sie durch "Tempo 70"- Bereiche zu entschärfen.
Im Barnim machten sich die zuständigen Ämter noch im vergangenen Jahr an die Arbeit. Inzwischen wurden alle in Frage kommenden Strecken nach den Kriterien des Erlasses überprüft, sagte der Sprecher der Kreisverwaltung, Oliver Köhler. Dies sind beispielsweise der Baumumfang, der Abstand von der Fahrbahnkante und die Anzahl der Bäume. Das Ergebnis: Auf rund 80 Kilometer, verteilt auf Bundes-, Landes- und Kreisstraßen, treffen die Merkmale des ministeriellen Erlasses zu. Neue "Tempo 70"- Schilder stellte man dennoch kaum auf. "Auf den meisten dieser Straßenabschnitte wurden bereits im Jahr 1998 Geschwindigkeitsbegrenzungen von 80 bzw. 70 Kilometer pro Stunde angeordnet", so der Kreissprecher. Diese seien nach wie vor gültig. Lediglich zwischen Ahrensfelde und Hoheneiche sowie zwischen Hoheneiche und Mehrow habe man im Frühjahr in beiden Fahrtrichtungen einige "Tempo 70"-Verkehrszeichen mit dem Zusatz "Baumunfälle" angebracht. Für die übrigen Bereiche im Barnim hat die Verkehrsunfallkommission einen "Beobachtungszeitraum bis zum Jahresende 2012" festgelegt, erklärte Köhler. Dem regelmäßig tagenden Gremium gehören Vertreter der Polizei, des Landesbetriebes Straßenwesen sowie der Verkehrsbehörden der Stadt Eberswalde und des Landkreises Barnim an.
Das zuständige Infrastrukturministerium in Potsdam hat unterdessen die Landkreise aufgefordert, über den Stand der Umsetzung des Alleen-Erlasses zu berichten. Nach Vorlage und Auswertung der Unterlagen könne man vermutlich noch im August darüber informieren, teilte die Pressestelle des Ministeriums mit. Man gehe ferner davon aus, dass das Aufstellen der Verkehrsschilder zeitnah erfolgen kann. Damit würden in der Regel die Straßenbaulastträger beauftragt, hieß es.
Der Erlass hatte im vergangenen Jahr durchaus für kontroverse Diskussionen gesorgt. Während ADAC und Landesverkehrswacht das Tempolimit begrüßten, kritisierten zahlreiche Landräte sowie die regionale Wirtschaft das Projekt. So sah die Industrie- und Handelskammer (IHK) eine Belastung auf alle zukommen, die in Brandenburg oft und viel fahren müssen. Andere Kommunalpolitiker sprachen gar von "blindem Aktionismus".