„Ich bin Judas“ schallt es selbstbewusst von der Freilichtbühne des Marienberges, derweilen der Mann, der sichs eingesteht,  auf den Bühnenausgang zustrebt, mit dem Schlüpfer das letzte Stück Textil abstreift und verschwindet.
Lot Vekemanns Schauspiel „Judas“ hat – in der Regie von Frank-Martin Widmaier – eine Stunde das Publikum in seinen Bann gezogen und dem Premierenwochenende zu Beginn der neuen Spielzeit des Brandenburger Theaters einen Höhepunkt beschert.

Intensives Schauspiel von Urban Luig

Das Lob gebührt zuallererst Urban Luig, der das Ein-Personen-Stück – abgesehen von der wortlosen „Figur“, die Annika Finning souverän verkörpert – mit solcher Intensität darbietet, dass am Verzweifeln und Hin- und Hergerissensein, keinerlei Zweifel besteht. Zweifel sei der Ansporn zur Tat, beteuert Judas, der die Tat des Verrats, „wie ihr sie nennt“, immer wieder hinterfragt.

Judas und die Schuld

Er, der zu Jesus zwölf Jüngern zählte und dessen Festnahme ermöglicht haben soll. „Woher sollte ich wissen, dass es so viel Hass, so viel Angst, so viel Wut gab?“, fragt Judas verzweifelt – und das Publikum „angenommen, Sie hätten damals gelebt, hätten Sie ihn empfangen? Als König?“ Als sich Judas eingesteht, „ich habe die Schuld auf mich genommen“, läuten – dramaturgisch perfekt – die Stadtkirchenglocken 18 Uhr. „Ich habe zugelassen, dass mein Name ein Fluch wurde!“ Die stets greifbare und mitreißende Zerrissenheit mündet dennoch in der klaren Aussage „Ich bin Judas!“
Wenn das Stück nach dreimaliger Aufführung auf der Freilichtbühne (nochmals am 11./12.09.) ab 25. September in die St. Katharinenkirche wechselt, empfiehlt Widmaier das Wiederkommen. In der Kirchenatmosphäre entstünde ein völlig neues Stück. Gut vorstellbar bei diesem Thema biblischen Ausmaßes und dem sakralen Ambiente – mit dem schummrigen Licht und der bombastischen Akustik. Vor allem aber mit Urban Luig als großartigem „Judas“.