Im Brandenburger Theater (BT) könnte alles so schön sein. Wenn da nicht ein kleines Virus die Kultur großflächig zum Erliegen gebracht hätte. Und wenn sich im Theater auf die Kultur beschränkt würde!
Doch vergeht kaum eine Woche ohne Hiobsbotschaft. Meist hausgemacht und in der Tagespresse groß herausgebracht. Häufigstes Angriffsziel ist Geschäftsführerin Christiane Flieger, für die manche der Brandenburger Symphoniker scheinbar gern Schuberts Tragische Sinfonie in Dauerschleife spielen wollen.
„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Brandenburger Theaters“ (laut Unterzeichnung) hatten unlängst mit einem offenen Brief klarstellen wollen, „dass der Orchestervorstand der Brandenburger Symphoniker und der designierte Chefdirigent Oliver Tardy ein destruktives und spalterisches Verhalten an den Tag legen“ und „die medialen Alleingänge des Musikergremiums“ als „sehr befremdlich“ empfunden werden.

Teil der Belegschaft steht zur Geschäftsführerin

Und weiter: „In der täglichen Zusammenarbeit mit Christine Flieger gibt es aus unserer Sicht keinen Grund, die Arbeitsverhältnisse im Brandenburger Theater als ‚unmöglich‘ zu bezeichnen. Ganz im Gegenteil! Wir schätzen Frau Flieger dafür, dass sie stets für das Theater und seine Mitarbeiter da ist. Sie wirbt unermüdlich für einen offenen und ehrlichen Umgang und kümmert sich aufopferungsvoll um alle Belange. Ihre Entscheidungen sind stets davon geprägt, zum Wohle des Brandenburger Theaters zu entscheiden. (…)Warum sich der Orchestervorstand und Olivier Tardy bis zur Eskalation beschweren, ist für uns nicht nachvollziehbar. (…) Wir fürchten sowohl um den Ruf des Brandenburger Theaters, wie um den Ruf der Brandenburger Symphoniker.“
An die Adressaten gewandt hieß es abschließend: „Sehr geehrte Frau Ministerin, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrter Herr Aufsichtsratsvorsitzender, sehr geehrte Vorsitzende der Fraktionen in der SVV, wir sprechen unserer Geschäftsführerin Christine Flieger unser vollstes Vertrauen aus.“

Sie auch, Herr Scheller?

Ja. Mit Dr. Erlebach, dem BT-Aufsichtsratsvorsitzenden, stehe ich in einem regelmäßigen Austausch und auch die meisten Aufsichtsratsmitglieder sind überzeugt, dass Frau Flieger gute Arbeit für das BT leistet.

Der Begriff Theater kommt zwar aus dem Altgriechischen und bedeutet ‚Schaustätte‘ oder ‚anschauen‘, aber haben die Theater-Finanzierer dem Treiben nicht schon viel zulange zugeschaut? Erinnert sei daran, dass das BT lediglich 1 Mio. Euro erwirtschaftet und als Landeszuschuss 3,7 Mio. Euro, aus dem kommunalen Finanzausgleich 2,3 Millionen und von der Stadt 1,5 Millionen Euro erhält. Verlangt das nicht etwas mehr Demut?

Man darf nicht verkennen, dass eine ganze Menge Kunst und Kultur durch alle am Theater Wirkenden produziert wird. Umso mehr sind wir irritiert, dass Differenzen, die zum Teil persönlich sehr verletzend sind, in die Öffentlichkeit getragen werden.

Warum wurde zuletzt sogar eine CD-Produktion, die die Symphoniker im Beethoven-Jahr unter Leitung des Alt-Dirigenten Peter Gülke eingespielt haben, zum Zankapfel?

Anfang des Jahres gab es eine Entscheidung des Aufsichtsrates zum Spielprogramm und dabei wurde gegen weitere CD-Aufnahmen entschieden, weil nicht ausreichend begründet wurde, wieso Mittel für CD-Aufnahmen eingesetzt werden, statt das Programm dem Publikum live darzubieten. Wenn die Symphoniker eine CD aufnehmen, entstehen vielleicht genauso viele Kosten wie beim Aufführen der Konzerte. Allerdings werden bei Konzerten auch zwei Drittel der Programmkosten über Eintrittsgelder gedeckt. Auch zeigt die Erfahrung aus zurückliegenden CD-Produktionen, dass das Interesse beim Publikum überschaubar ist, hingegen Live-Konzerte meist ausverkauft sind. Ja, solche Aufnahmen sind Prestige und dokumentieren die Qualität, doch gibt es heute auch andere Wege, um sich beispielsweise bei Konzertveranstaltern ins Gespräch zu bringen. Und wenn es dann eine CD sein soll, muss das in der Mittelplanung berücksichtigt und vom Aufsichtsrat genehmigt sein.

Sollte die Entscheidungshoheit über solche Ausgaben nicht bei der Geschäftsführung liegen? Oder ist die Budgetierung und Alleinverantwortung für die Leitfiguren der Königsweg?

Der Aufsichtsrat und ich sind der Ansicht, dass die künstlerisch Verantwortlichen über die Verwendung ihres Budgets entscheiden können und dafür auch Vorschläge unterbreiten sollen. Aufgabe der Geschäftsführung ist es, zu überwachen, dass man sich im Rahmen des Budgets bewegt.

Personell ist das Theater doch wieder gut aufgestellt mit der zum 01. Januar 2019 berufenen Geschäftsführerin Christiane Flieger, dem am 01. März 2019 gestarteten Künstlerischen Leiter Frank Martin Wiedmaier und dem seit Saisonstart 2020/21 wirkenden Chefdirigenten Olivier Tardy. Muss, weil die Chemie nicht stimmt, zusätzlich ein Intendant bezahlt werden?

Wir stehen vor einer Phase, dass wir darüber diskutieren, wie wir das Theater mit einer besseren Struktur und Geschäftsordnung versehen. Und dazu gehört auch die Frage, wie man die künstlerischen Sparten in ihrer Eigenverantwortung stärken kann. Dazu gehört auch die Frage, ob eine Person mit einer künstlerischen Verantwortung Teil der Geschäftsleitung sein soll. Dieser Prozess wurde vom Aufsichtsrat eingeleitet. Und das finde ich richtig.

Sie haben nach jüngsten Gesprächen mit Theaterschaffenden angedeutet, für den „Prozess der Neuordnung auch externe Unterstützung und Beratung durch fachliche Dritte einzubeziehen.“ Kommt also noch ein Mediator dazu?

Kein Mediator. Aber ein Experte, der genau diesen beschriebenen Prozess begleitet und zuerst analysiert, welche Probleme bestehen und dem Aufsichtsrat sowie Kulturministerium und mir Schritte aufzeigt, was notwendig ist, um das Theater in ruhigeres Fahrwasser zu führen. Erste Video-Konferenzen und Treffen gibt es noch im Laufe des Monats.

Der BT-Aufsichtsrat, den der Vorsitzende Dr. Wolfgang Erlebach zur außerordentlichen Sitzung zusammengetrommelt hatte, wollte genau solche Vorschläge unterbreiten. Gibt es weitere Ansätze?

Der Aufsichtsrat hat insbesondere die Diskussion mit Herrn Tardy gesucht, um dessen Vorstellung seiner Arbeit zu hören, ihm aber auch zu sagen, dass das Vorhaben besteht, diesen Prozess durchzuführen, in den er sich auch selbst mit einbringen kann und soll.

Auf seiner Homepage beschreibt sich das Brandenburger Theater als „ein Leuchtturm der Kunst und Kultur im Westen des Landes Brandenburg. Mit den Brandenburger Symphonikern und den Sparten Musiktheater, Sprechtheater, Entertainment sowie Junges BT bietet das Brandenburger Theater (BT) auch nach seiner mehr als 200-jährigen Bestehenszeit ein breitgefächertes Mehrspartenangebot für die Stadt und die Region.“ Wann, denken Sie, schafft es die BT-Großfamilie sich darauf – auf ihren Auftrag – zu beschränken und auf das Theater im Theater zu verzichten?

Das Brandenburger Theater besteht ja keinesfalls nur aus persönlichen Differenzen, auch wenn die manchmal für mehr Schlagzeilen sorgen. Es sind viele Projekte des Theaters in den letzten beiden Jahren durchgeführt worden und waren erfolgreich beim Publikum – im Übrigen stets wohlwollend begleitet von beiden Fördervereinen. Das nun das Coronajahr insbesondere für Kulturschaffende zu einer Belastungsprobe geworden ist, mag auch ein Grund dafür sein, dass es solch‘ Theater im Theater gibt. Wichtig ist nun, vorwärts zu denken. Der angestoßene Prozess soll nicht lange dauern und möglichst schon im Januar zu ersten Ergebnissen führen. Wenn dann noch die Pandemie nachlässt und Lockerungen für Kunst und Kultur möglich sind, wird das Theater – werden die Symphoniker – beweisen können, zu welchen künstlerischen Leistungen sie in der Lage sind.

Welche Eigenproduktion hätten Sie sich dieses Jahr gern im Brandenburger Theater angeschaut und werden es hoffentlich 2021 nachholen können?

Ich mag die Symphoniker-Konzerte und am liebsten im Freien. Ich habe mich auf den Kultursommer auf dem Marienberg gefreut und hätte gerne noch das Judas-Stück gesehen, was mir zeitlich nicht möglich war. Nächstes Jahr ergeben sich für mich und alle anderen sicher wieder viel mehr Möglichkeiten, die Kunst und Kultur des Brandenburger Theaters leibhaftig zu erleben. Das also, was im September und Oktober mit einem Premieren-Feuerwerk kurz aufgeflammt war. Dank kreativer Theaterköpfe konnten Theater-Freunde im Frühjahr und Sommer mit dem Youtube-Kanal des Theaters am Ball bleiben und können derzeit die Pimpinone-Premiere als Mitschnitt im Stadtfernsehen erleben.

Ihr Wunsch ans Brandenburger Theater?

Alle Mitwirkenden sollen kooperieren und gemeinsam erfolgreich sein. Streitpunkte gibt es in den besten Familien, sollten aber innerfamiliär geklärt werden. Wir haben ein tolles Mehrspartentheater, dass sich 2021 hoffentlich wieder voll entfalten und Publikum begeistern kann.  Gute Schlagzeilen sollten die positive Folge sein.