Die Dominsel war Standort einer slawischen Niederungsburg und sie ist die „Wiege der Mark Brandenburg“. Denn: „Hier gründete König Otto I. im Jahr 948 das Bistum Brandenburg“, ist auf www.dom-brandenburg.de nachzulesen. Die Gründungsurkunde wird im Dom aufbewahrt, wie so viele Schätze. BRAWO hat die „Schatzkiste Dom“ geöffnet.
Bleiben wir bei „political correctness“.
In der Malerei der Spätgotik tritt der Bildtypus des sogenannten „Volkreichen Kalvarienberges“ vermehrt auf: Dichtgedrängt stehende Menschengruppen bevölkern die Kreuzigungsszene, weshalb die ältere Literatur diese Bilder auch „Kreuzigungsszene mit Gedräng“ nennt. Zu dieser Bildergruppe gehört auch unser Tafelbild. Es stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts.

Stiftung eines Unbekannten

Ein unbekannter Prämonstratenser, der sich links unten abbilden ließ, hat ihn gestiftet. Das Spruchband, das er in Händen hält, trägt die Worte „O christe fili die miserere mei“ (Oh Christus, Gottes Sohn, erbarme dich meiner). Er fleht den Erlöser um Gnade an, womit wir beim Thema sind: Das Bild behandelt die Erlösung durch den Tod Jesu. Das Kreuz ist genau in der Mitte platziert und teilt das Bild exakt in eine Hälfte rechts von Christus und eine links von ihm. Rechts die Guten, links die Bösen, ein Schema, dem die gesamte Komposition folgt.

Die Lilie, das Zeichen der Erlösung

So weist die Lilie, das Zeichen der Erlösung, auf die gute Seite. Hier befindet sich auch der Schächer (Verbrecher), der wegen seiner Einsicht Gnade in den Augen Christi findet (Lukas Kap. 23 Vers 39). Er hält den Kopf erhoben und ein Engel zieht dessen Seele (als kleiner Mensch dargestellt) in den Himmel. Die Seele des anderen Verbrechers, der Christus verspottet, wird dagegen von einem grässlichen Teufel in die Hölle gezerrt. Unter der Menschenmenge auf der guten Seite fallen drei Figuren im Vordergrund auf: eine kniet am Kreuzstamm – Maria Magdalena, die hier zur Zeugin des Heilsgeschehens am Kreuze wird. Sie fasst an Marias Mantel, als wollte sie ihr Trost spenden.

Die trauernde Mutter Jesu

Die trauernde Mutter Jesu ist nämlich im Begriff, in sich zusammenzusacken und wird vom Lieblingsjünger Johannes gestützt. Und noch eine Figur fällt auf: Ein Mann sitzt auf einem Pferd und rammt Christus die Lanze in die Seite. Mit einem Finger weist er auf sein Auge. Den biblischen Berichten zufolge stieß ein Soldat Jesus die Lanze in die Seite, um zu prüfen, ob dieser wirklich tot sei (Johannes Kap. 19, 31). Der Legende nach handelte es sich dabei um den blinden Longinus. Tropfen vom Blute Jesu spritzten in seine Augen und machten ihn wieder sehend.

Gut und Böse

Sogar die Pflanzensymbolik folgt diesem Schema von Gut und Böse: Bei den Guten blüht ein Maiglöckchen, das – sehr rund gerechnet – in der Jahreszeit blüht, in der Maria die Geburt ihres Sohnes verkündet wurde. Es steht für die Menschwerdung Gottes durch die Geburt Jesu. Die schwertförmigen Blätter der Lilie symbolisieren den stechenden Schmerz, den Maria wegen des Todes ihres Sohnes verspürt. Die Nelken erhielten ihre Farbe vom Blute Christi, genauso wie die Kopffedern des Stieglitz‘, der auf dem Totenschädel sitzt. Die Kornblume sollte gegen Schlangengift helfen und steht somit für die Überwindung des Bösen. Der bittere Geschmack des Ampfers schließlich erinnert an die Leiden Christi, womit wir auf der bösen Seite angekommen sind.

Feinde des Christentums

Hier sind die vereint, die zu den Feinden des Christentums gehören. Sogleich erkennt man einen türkischen Reiter mit Turban und Krummsäbel. In der Zeit, da der Kalvarienberg entstand, drangen die Osmanen in das christliche Europa vor. Sie eroberten 1453 Konstantinopel, neben Rom die christliche Metropole schlechthin, was sie zum Paradebeispiel des Christenfeindes machte. Dieses Bild gibt nicht unverfälscht die Beschreibungen in der Bibel wieder. Vielmehr wollte der Kompositeur mit ihm etwas zum Ausdruck bringen, etwas Negatives: Rechts unten auf dem Bild fallen die drei Würfelspieler auf, die um das Gewand Christi würfeln. Die Bibel (Johannes Kap. 19, Vers 23) erzählt, dieses Gewand sei nicht teilbar gewesen, weshalb die römischen Soldaten das Los warfen.

Bewusst wird die Geschichte verfälscht

Auf diesem Bild handelt es sich aber nicht um Soldaten, sondern um Juden, die leicht an ihren Hüten und den klischeehaften Gesichtern zu erkennen sind. Bewusst wird also die Geschichte verfälscht, um die Juden zu diffamieren. Schließlich erkennt man auf der rechten Seite noch den guten Hauptmann, der auf den Gekreuzigten zeigt, weil er ihn als Sohn Gottes erkennt. „Vere filius dei fuit iste (Wahrlich dieser war Gottes Sohn)“ steht auf dem Spruchband zu lesen. Er hat gerade noch die Kurve gekriegt und wird wie der gute Schächer Erlösung finden – im Gegensatz zu den anderen, bei denen keine Hoffnung mehr besteht. Religiöse Toleranz, wie wir sie heute fordern und leben, kannte man vor 600 Jahren noch nicht. Natürlich muss man die damals Handelnden mit den damaligen Maßstäben messen, nicht mit den heutigen. Trotzdem sollten wir heute etwas aus der Geschichte gelernt haben und manches besser wissen!
Dr. Rüdiger von Schnurbein
Dommuseumsleiter

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