Die Dominsel war Standort einer slawischen Niederungsburg und sie ist die „Wiege der Mark Brandenburg“. Denn: „Hier gründete König Otto I. im Jahr 948 das Bistum Brandenburg“, ist auf www.dom-brandenburg.de nachzulesen. Die Gründungsurkunde wird im Dom aufbewahrt, wie so viele Schätze. BRAWO hat die „Schatzkiste Dom“ geöffnet.
Das kleine dreiflügelige Retabel entstand in der Zeit um 1530 in der Werkstatt Lukas Cranachs d. Ä. Die beiden Seitenflügel sind in je zwei Bildflächen unterteilt. Rechts oben sieht man die Flucht nach Ägypten: Maria mit dem Jesuskind sitzt auf einem grauen Esel. Ihr blaues Gewand fällt in reichen Falten über die Flanke des Tieres und bedeckt ihre Füße. Das Jesuskind hält die Weltkugel in seinen Händen. Sein weißes Hemdlein reicht gerade über die Oberschenkel und lässt Unterschenkel und Füße frei. Der bärtige, gelockte Josef trägt eine rote Zipfelmütze. Er führt den Esel am Zügel. Im Bild darunter ist der Heilige Ägidius mit der vom Pfeil getroffenen Hirschkuh dargestellt. Die linke Tafel zeigt oben den heiligen Leonhard mit der gesprengten Kette zu seinen Füßen, darunter den heiligen Nikolaus.

Martyrium des heiligen Sebastian

Die Mitteltafel wird vom Martyrium des heiligen Sebastian bestimmt: Die erhobenen Hände an einen Baum gefesselt, steht der Heilige nur mit einem Lendentuch bekleidet am linken Bildrand und blickt den Betrachter an. Vier Pfeile haben seinen Körper bereits durchbohrt. Ein Armbrust- und ein Bogenschütze am rechten Bildrand zielen auf den Heiligen. Ein weiterer Armbrustschütze im Vordergrund ist gerade damit beschäftigt, seine Waffe zu spannen. Einen Bolzen hält er zwischen den Zähnen. Sein Gesicht ist von Kraftanstrengung gezeichnet. Eine Gruppe von Männern, darunter Soldaten, wohnen dem Geschehen bei und werden durch Busch- und Baumwerk nach hinten gegen eine Landschaft mit einer Burgansicht auf einer Felsformation abgegrenzt.

Befehlsgewalt und Überlegenheit

Die mittlere Figur ist im Vergleich zu den anderen herausgehoben, da sie frontal zum Betrachter dargestellt ist, während die anderen von der Seite oder halb verdeckt abgebildet sind. Seine Gestik vermittelt Befehlsgewalt und Überlegenheit. Offensichtlich handelt es sich um den Hauptmann, der die Tötung des Sebastian in Auftrag gegeben hat und überwacht. Der Künstler hat hier allerdings bewusst eine Verfälschung vorgenommen: Eigentlich wird Sebastian, ein zum Christentum bekehrter römischer Legionär, nämlich von römischen Soldaten getötet.

Gängiges Schema in der christlichen Ikonographie

Hier jedoch handelt es sich um einen Türken mit Turban und Krummsäbel – der Türke als Feind des Christentums schlechthin. Diese Sichtweise taucht im 15., 16. und 17. Jahrhundert immer wieder auf. Sie wird sogar zu einem gängigen Schema in der christlichen Ikonographie. Die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahre 1453 bot den Anlass, denn anders als bei den Kreuzzügen stand der Feind nun auf christlichem Boden. Die Bedrohungen Wiens durch die Türken im Oktober 1529 muss den Künstlern, die dieses Werk schufen, noch vor Augen gestanden haben. Die Seeschlacht von Lepanto 1571 oder die abermalige Belagerung Wiens zwischen Juli und September 1683 beförderten diese Türkenangst.

Das Christentum muss siegen

Genauso wie die christlichen Soldaten aus diesen Schlachten als Sieger hervorgingen, würde am Ende das Christentum mit Sicherheit obsiegen. Dies war die gängige Meinung. Gleichzeitig übte das Osmanische Reich, aus dem exotische Gewürze und edle Stoffe nach Europa strömten, eine ungemeine Faszination aus.
Die Signatur Cranachs, die berühmte Schlange, sucht man vergebens. Das Werk kann also nicht vom Meister selbst stammen. Vielmehr erkennt man mehrere Hände, die an diesem Altarbild gearbeitet haben. So wirkt das Bild auf der Mitteltafel von Meisterhand gemalt. Dagegen sind die Bilder der Heiligen auf den Außenseiten um so viel gröber gehalten, dass man hier das Werk eines Gehilfen sehen möchte.

Das Retabel stammt aus Markgrafpieske

Das Retabel wird als Depositum im Dommuseum aufbewahrt und stammt aus der kleinen Dorfkirche von Markgrafpieske, unweit von Fürstenwalde gelegen. Allerdings dürfte auch diese Kirche nicht sein ursprünglicher Standort sein. Vermutlich stand es einmal im Dom zu Fürstenwalde und wurde nach der Reformation überführt. So gelangte dieses Kleinod in unsere Schatzkiste.
Dr. Rüdiger von Schnurbein
Dommuseumsleiter

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