Die Dominsel ist ein wunderschönes Stück Brandenburg, der Dom ein herausragendes Bauwerk – entstanden ab dem 11. Oktober 1165 (Grundsteinlegung) auf geschichtsträchtigem Boden. Die Havelinsel war Standort für eine slawische Niederungsburg und sie ist die „Wiege der Mark Brandenburg“. Denn: „Hier gründete König Otto I. im Jahr 948 das Bistum Brandenburg“, ist auf www.dom-brandenburg.de nachzulesen. Die Gründungsurkunde wird im Dom aufbewahrt, wie so viele Schätze. BRAWO hat die „Schatzkiste Dom“ geöffnet.
Die Mär von den märkischen Raubrittern gehört zu den häufig erzählten Episoden der Brandenburgischen Geschichte. Die Mark sei von Raubrittern so verseucht gewesen, dass sich kaum ein Bürger vor die Tür getraut hätte. Schließlich musste er befürchten, dass ein böser Bredow, Stechow, Quitzow oder Gans zu Putlitz keuleschwingend hinter einer märkischen Kiefer hervorsprang, um dem armen Bürger sein Erspartes zu entreißen. Erst der wackere Burggraf Friedrich von Hohenzollern habe auf seinem Heldenritt durch die Mark diesem schaurigen Treiben endlich ein Ende gesetzt.

Eine Räuberpistole

Es handelt sich um eine Räuberpistole, die im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ausgeschmückt worden ist. Besonders die national-romantische Geschichtsschreibung und Dichtung der Gründerzeit überhöhte die frühen Hohenzollernschen Kurfürsten zu Friedenbringern in der Mark und Wegbereitern Brandenburg/Preußens – ja sogar des Deutschen Reiches. Wo es Helden gibt, müssen auch Schurken sein. Sonst kann der Held ja nicht glänzen. Aber natürlich steckt auch in dieser Überhöhung ein Fünklein Wahrheit: Wir schreiben das Jahr 1384.

Kurfürst Siegismund

In der Mark Brandenburg regierte Kurfürst Siegismund aus dem Haus Luxemburg. Er war auch König von Böhmen, hatte große Ambitionen im Heiligen Römischen Reich und schon längst ein Auge auf Ungarn geworfen. Die Mark war für ihn nur noch politische Verfügungsmasse. Er verpfändete sie an seinen Vetter Jobst von Mähren, um sich aus dem Erlös die ungarische Königskrone zu sichern. Die Regierung in Brandenburg führten für ihn Statthalter, die häufig aus dem landsässigen Adel stammten, eben die Quitzows oder Bredows. Sie füllten die Lücke, die Sigismund hinterließ, und bauten ihre Macht aus, manchmal auch mit Gewalt.

Schwächelndes Kursfürstentum

Aber auch in den angrenzenden Gebieten, im Herzogtum Pommern und dem Erzstift Magdeburg suchte man sich auf Kosten des schwächelnden Kursfürstentums zu bereichern. Und das arme Domkapitel durfte wohl nur zuschauen? Keineswegs! Es wusste sehr gut, sich seinen Teil zu sichern. Die Methoden allerdings waren andere: Keiner kannte sich so gut in Rechtsfragen und in der Verwaltung aus wie die gebildeten Geistlichen. Sie fälschten also eine Anzahl an Urkunden. Dazu nahmen sie einige Dokumente aus dem 12. und 13. Jh. zur Hand und änderten den Inhalt nach ihren Wünschen.

Fischerei- und Mühlenrechte

So sicherten sie sich lukrative Fischerei- und Mühlenrechte auf der Havel zwischen Brandenburg und Ketzin. Nun mussten diese Fälschungen aber noch legalisiert werden. Das Domkapitel ließ die neuen alten Urkunden von Kurfürst Sigismund bestätigen, in dem dieser den Inhalt abschreiben und dann für richtig erklären ließ. Zahlreiche seiner Berater bezeugten diese Beglaubigung. Nun war durch die Hand des Kurfürsten die Fälschung unverdächtig geworden. Dass weder der Kurfürst noch seine Berater mit den havelländischen Verhältnissen vertraut waren, spielte dem Kapitel in die Karten.

Kalkül eines Fälschersyndikats?

Vielleicht gehörte es sogar zum Kalkül des Fälschersyndikats. Der Kopf der Bande ist übrigens bekannt: Es war Propst Hentzo von Gersdorf (gest. nach dem 16.4.1400), auf dessen Wunsch der Kurfürst die Urkunden bestätigte. In einer dieser Urkunden wird dem Domstift erlaubt, den Teil der Havel bei der Burg Brandenburg umzuleiten und für eigene Zwecke zu nutzen. Es handelt sich um den Domstreng zwischen der heutigen Burgmühle und St. Gotthardt. Vor einigen Jahren, als man das Heizwerk des Domes errichtete, wurde das Areal archäologisch untersucht. Dabei entdeckten die Archäologen – ich danke Dietmar Rathert für diesen Hinweis – einige Pfosten der mittelalterlichen Uferbefestigung.

Ein vierkantiger Pfahl aus dem Jahr 1384

Darunter ist auch ein etwa 150 cm langer vierkantiger Pfahl mit eisernem Pfahlschuh. Naturwissenschaftlichen Untersuchungen zufolge stammt der Pfahl aus dem Jahr 1384, also aus genau der Zeit der Fälschungen. Haben die juristisch gebildeten Geistlichen hier etwa einen widerrechtlichen Akt zu legitimieren versucht? Der Gedanke liegt nahe! Wenn das Brandenburger Domkapitel nun auch nicht drohend die Schwerter schwang, so hat es doch sein Stück vom Kuchen abgekriegt. Einige Jahre später wies Friedrich die so genannten Raubritter wirklich in die Schranken und sorgte in der Mark für Ruhe. Einer der ersten, der ihn in Brandenburg begrüßte, war Bischof Henning von Bredow.

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