Als zum Ausklang des Jahres 1969 die hiesige Schmierfettfabrik in der Brielower Straße unmittelbar am Südufer des Silokanals ihre Produktion für immer einstellte, gab es wahrlich ein Aufatmen. Und das vor allem bei jenen Brandenburgern, die (endlich) eine Wohnung im damals noch jungen Stadtteil Nord in unmittelbarer Nachbarschaft zu diesem Betrieb beziehen durften.

Unangenehme Gerüche und Gesundheitsrisiken

 Eingebettet gewissermaßen zu Füßen der Brielower Brücke befand sich die, bei den Brandenburgern zumeist nur abfällig als „Schmierfettbude“ bezeichnete relativ kleine Fabrik. Umso weittragender indes zog die Firma mit ihren bei den Produktionsprozessen entstehenden Dämpfen und oft zugleich äußerst unangenehmen Gerüchen zunehmend den Unmut auf sich. Dabei beschäftigten sich damals wohl noch die allerwenigsten der Betroffenen mit den hohen Belastungen von Erdreich und Grundwasser, die über Jahrzehnte vor allem durch synthetisch hergestellte Kohlenwasserstoffe verursacht wurden. Hinzu kamen mit Alkylphenolen getränkte Böden. Gesundheitliche Gefahren (insbesondere Erregen von Krebs) lagen klar auf der Hand.

Umfassende Sanierung nach der Wende

 Nachdem die Kommune dann nach der politischen Wende (1989) begann, diesen enormen Altlasten etappenweise entgegen zu wirken, beraumte man schließlich in jüngerer Vergangenheit - zwischen November 2017 und Mai des folgenden Jahres - ein umfangreiches Sanierungsprogramm für diesen extrem kontaminierten Standort an. Der Bodenaustausch jener so arg in Mitleidenschaft gezogenen Areale (immerhin bis zu drei Meter Tiefe) - so auch das umfassende Enttrümmern dort, wo verseuchte Produktionsstätten zuvor (2011) verschwinden mussten -, seien hier vor allem genannt. Unerlässlich zugleich ein Reinigen des Grundwassers samt spezieller Entsorgungsmaßnahmen. Nahezu 1,5 Millionen Euro an Kosten waren dafür errechnet worden.

Expandierendes Unternehmen

 Das alles hatten sich die umtriebigen Gebrüder Frank dereinst in der so oft gepriesenen Gründerzeit wahrlich nicht träumen lassen. Ihre 1864 zunächst in der Wilhelmsdorfer Straße eingerichtete Fabrik nahm alsbald eine sehr gute Entwicklung. So bot es sich später für sie geradezu an, das Unternehmen von diesem sich zum Wohngebiet entwickelnden Teil an die nördliche Peripherie Brandenburgs zu verlegen. Schließlich befanden sich dort in unmittelbarer Nachbarschaft vorwiegend „nur“ die Felder der Ackerbürger aus der Brielower Vorstadt.

Lob schon vor über 100 Jahren

Schon vorher, 1912, hatte es in einem zum hiesigen 500jährigen Hohenzollern-Jubiläum veröffentlichten Buch anerkennende Worte für diese prosperierende Firma gegeben. „Mit Harzdestillation und der Herstellung von technischen Oelen und Fetten sowie Desinfektions-, Isolier- und Futtermitteln (gemeint waren wohl Abdichtstoffe, d. Autor) befassen sich die Vereinigten Chemischen Fabriken Ottensen, vormals Frank A.-G. Die Erzeugnisse verbleiben fast ausschließlich im Inlande.“

Neubau am neu entstandenen Silokanal

Als zum Vorteil der hiesigen Wirtschaft dann 1910 der Silokanal eröffnet wurde und noch eine Hafenbahn folgte, zeigten sich die Inhaber der vorgenannten chemischen Firma sofort hellwach. Schließlich errichtete man diese völlig neu, sie erhielt ihren Standort nun am Südufer des „jungen“ Silokanals. Entsprechend selbstbewusst und von gewissem Stolz geprägt, hatten die Firmenchefs alsbald beispielsweise u.a. einen Werbetext für jene halbseitige Offerte im hiesigen „Anzeiger“ zur 1000-Jahr-Feier Brandenburgs formuliert (Ausgabe vom 6. September 1929): „Westlich der Brielower Chaussee erheben sich in harmonischem Baustil sowie in gelb-blauem Anstrich die Gebäude der Vereinigten Chemischen Fabriken (...), die zum Konzern der Deutschen Petroleum-Aktiengesellschaft Berlin-Schöneberg gehören. Gesteigerter Absatz machte eine Erweiterung erforderlich. Deshalb wurden 1923/24 die unter dem Namen ´Vaucefa` (aus den Anfangsbuchstaben der Firma abgeleitet, d. Verf.) bekannten Werke auf dem zuvor erwähnten Gelände, das Gleisverbindung und Gelegenheit zur Wasserverladung besitzt, in vorausschauend großzügiger Weise errichtet“.

Angebote für private und gewerbliche Kunden

  Zu den Angeboten hieß es erläuternd, dass „neben einem Handel mit allen Maschinen-, Putz- und Spindelölen sowie diversen Spezialölen als Haupterzeugnisse technische Fette hergestellt werden; bestens geeignet für Wagen, Autogetriebe, Heißlager und Maschinen“. Überdies hatten Haushaltsseifen (wie man sie nannte) - ob nun Kern-, Schmier, Bade- oder flüssige Seife -, ebenfalls längst ihren Kundenkreis im gesamten Deutschland gefunden. Sicherlich sollten überdies auch Industriefette aus Brandenburg während des Zweiten Weltkrieges dazu beitragen, dass „alle Räder für den Sieg rollen“.

Übergang in das Volkseigentum

Bald nach 1945 wurde die Fabrik am Silokanal dem sogenannten Volkseigentum zugeschlagen. Weithin aber prangte noch viele Jahre lang vom so dominanten Schornstein in weißen, großen Buchstaben der Schriftzug „VAUCEFA“. Übrigens, diese Esse ragt noch heutzutage, wenn mittlerweile aus Sicherheitsgründen auch deutlich „gestutzt“, in die Höhe.

Fabrik wird zum Störfaktor

Als 1959 der Wohnungsbau für den Stadtteil Nord in der Brielower Straße sowie ihrer unmittelbaren Umgebung begonnen hatte, erwies sich die „Schmierfettbude“ insbesondere durch eingangs bereits erwähnte Geruchsbelästigungen immer mehr als Störfaktor. Trotz aller Klagen der Anwohner versuchten die Verantwortlichen der Stadt, ein um das andere Mal Zeit zu gewinnen, so auch bei öffentlichen Aussprachen. Waren doch diese chemischen Erzeugnisse für eine extrem angespannte DDR-Wirtschaft geradezu unentbehrlich.
Als 1964 das Kesselhaus abbrannte, gab es unversehens Hoffnung. Aber schon im November jenes Jahres konnte durch einen wahren Kraftakt mit Hilfe ortsansässiger Betriebe die Produktion wieder anlaufen. Verständlicherweise zur großen Enttäuschung vieler unmittelbar betroffener Havelstädter.

Das Ende der Schmierfettfabrik

Das ersehnte endgültige Aus folgte, nun den massiven Forderungen aus dem Wohngebiet Nord Rechnung tragend, Ende 1969. Da meldeten dann die „Brandenburgischen Neuesten Nachrichten“ Anfang 1970 zugleich: „Neue Nutzer werden u.a. der Konsum-Handelsbetrieb Obst / Gemüse / Speisekartoffeln (später Großhandelsgesellschaft, d. Autor), der Rat für landwirtschaftliche Produktion und Nahrungsgüterwirtschaft - kurz RLN - sowie die Stadtdirektion Straßenwesen sein. Hinzu kommen dringend benötigte Postschalter und eine Annahme für die Textilreinigung. Der Kultur- und Speiseraum der einstigen Schmierfettfabrik soll vielfältiger Nutzung dienen, so auch durch den Wohnbezirk.“

Überreste einer untergegangenen Fabrik

Bis zum heutigen Tage sind einige der Firmengebäude erhalten geblieben. Zudem fanden hier etliche kleinere Unternehmen, Behörden sowie ein Kreditinstitut ihr Domizil. Dem gingen zumeist noch etliche Um- und Ausbauarbeiten an den übernommenen Einrichtungen voraus.