Wer zählt die Neujahrsgrüße, die zum Jahreswechsel wieder versandt werden?! Dabei ermöglicht die moderne Technik diesen Wünschen schnellsten Zugang zu ihren Empfängern, oftmals durch Live-Bilder noch ergänzt. Aber es gibt weiterhin jene unter uns, die traditionell per Postkarte ihre Verwandten, Freunde und Bekannten erfreuen.
Ein Brandenburger Neujahrsbrief aus längst vergangener Zeit, nämlich während  der Schwedennot um 1675 und der Jahre nach dem Westfälischen Frieden, fand sich Anfang des 20. Jahrhunderts in einem arg mitgenommenen Brielower Kollektenbuch, das dann in der hiesigen St. Gotthardtkirche aufbewahrt wurde. Es handelte sich um ein Glückwunschschreiben zum Jahreswechsel 1674/75, verfasst von einem Brandenburger Bürgersohn aus dem „Stift“ an seine Eltern. Dazu erläuterte Dr. Carl Credner Anfang 1927 im „Brandenburger Anzeiger“, dass mit dem Begriff „Stift“ dereinst das Gebiet des Erzbistums Magdeburg bezeichnet wurde, das der Große Kurfürst 1680 endgültig mit Brandenburg vereinigt hatte.

Schwierigkeiten beim Entziffern des Textes

Besagter Brief, geschrieben auf starkem Papier, erlitt im Laufe der langen Zeit allerhand Beschädigungen und Brüche. „Aber noch größere Schwierigkeiten beim Entziffern des Textes“, so Credner in seiner Einschätzung weiter, „bereitet die unglaubliche Vernachlässigung der sprachlichen Form (...) einmal die willkürliche Schreibung, die damals allgemein Brauch war, sodann aber auch ein befremdender Mangel an Sorgfalt. Die Zeichensetzung versagt fast völlig, man muss sich die Sätze selbst zusammensuchen“, beklagte der Experte. Doch versuchen wir hier nun einmal, einige Passagen aus diesem Neujahrsbrief anno 1674 zu deuten, wobei oft lateinische und deutsche Buchstaben (noch) wechselten:

bey Gutter gesundheit

„Meinen Gruß viellgeliebte Eltern wan ihr alle sambt bey Gutter gesundheit seindt soll es mir lieb sein zu erfahren von vnser Persohn sindt wir zvor noch bey guter gesundheit aber leudter gott in großer betrübnis weill von tag zu tag Je lenger Je mehr in vnser stadt geschreu kommet wegen des schwedten, daß er mit eiger Churfürsten soll Kreich füren, nohr furgte wir vnß von den schwedten  soll vill nicht als von dem Branburger, vndt ist so ein lamendirn in ganzten stüfft, daß man nich mehr weiß wie mon es zum bösten anstellen soll, oder wo man hin fligenen soll mit seinen ormen Kindern, vndt anstellen soll, daß thudt ihr nicht, gern wollet ihr es hoben, doß mon eich Respegdirn soll wie einen vatter (...)

Gott wirdt es woll sollgen grobheit heitte oder morgen wissen zu richten

Ich gloibe wo ich mit den meinen hunger sterben mechte, oder in lebens gefar war, so schreibet ihr nicht, Gott wirdt es woll sollgen grobheit heitte oder morgen wissen zu richten, man weiß nicht, wo mon einen den andter wieder bedorff, schiget mir doch ein mal meine Evangelia vndt ich hobe mit vnser Crügergesangbücher geschiget ich hobe nicht mol andtwordt darauf enfangen, es muß das Bodbid in Branbug mechtig teuer sein (...).
Grüßet doch die mutter den Herr Müller seine Jungfrau Morgorata, Gott gebe eich alle sambt vndt vnß ein glichdelliges früdten Freudten neuhes Jorr bestendige gesundheit alles erwunschen segnen vndt den lieben früdten, daß wir noch mechten, wieder zu samben komen in Freudt vndt einigkeit (...), daß gebe vnß allen samb nimr Gott in vnser hertz vndt allen früdte freundt hir zeitlig vndt dot Ebig Val.
Den 30. December 1674
lieb sohn vndt Gefatter
... ich f P...

Das größte Rätsel

Rätselhaft bleibt vor allem, wer dieser Briefschreiber war. Seine Eltern dürften der Fundstelle nach unter den Bürgern der Brandenburger Altstadt zu suchen gewesen sein. Als zeitweiliger Wohnsitz ihres Sohnes käme wohl nur Genthin oder Burg in Frage. Der stark religiöse Einschlag in seinem Ausdruck und den geäußerten Sorgen legt die Vermutung nahe, dass es sich um einen Pfarrer handeln könnte. Doch die nachlässig, flüchtige Schreibart sowie die Ratlosigkeit gegenüber der drohenden Kriegsgefahr passen nicht in dieses Bild.

Verbleib des Neujahrsbriefes unbekannt

Erstaunlich, wie man vor immerhin gut 345 Jahren selbst ohne Telegraphie und Zeitung im Volke von den allgemeinen politischen Vorgängen unterrichtet war. So hatte der Absender offensichtlich bereits Kunde davon, dass eben in den letzten Tagen des Jahres 1674 Reichsfeldherr Karl Gustav Wrangel mit seiner Armee von Schwedisch-Pommern eingefallen war. Zugleich befürchtete er in seinen Zeilen die strenge Sühne, die der Große Kurfürst verlangen würde.
Über den Verbleib dieses „Neujahrsbriefes“ ist leider nichts bekannt. Ob er möglicherweise heute noch (oder wieder) in einem Archiv des Brandenburger Territoriums lagert?